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Bonner Straßen

Blogged in Alltag by Gahi Dienstag Juni 28, 2005

Man kann im Dreck Bonner Strassen alles mögliche finden: den Wachturm, die Bildzeitung, diverse Bettler und Irre.
Jedes dieser Dinge hat so seinen ganz eigenen, skurrilen Humor. Der Bildzeitung sind die MedienBlueten gewidmet, die Zeugen Jehovas und den Wachturm zähl ich einfach mal zu den Irren Bonns.

Ich hab in Bonn schon sehr bizarre Dinge erlebt. Es gibt Menschen, die glauben, Bonn sei ein riesiges Freiluft-Irrenhaus. Andere Glauben, Bonn sei ein aufgewecktes, nettes Städtchen, das aufgrund des ehemaligen Regierungssitzes einiges an Infrastruktur und kulturellen Veranstaltungen zu bieten hat, was ja wiederum der Diversität von Meinungen und Individuen ganz zuträglich sein kann.
Ich persönlich favorisiere aber die erste Hypothese.

Es gibt in Bonn eine ganze Menge Männer, die irgendwie glauben, dass sie Frauen seien (und das ganz ohne UschiWindung). Erst Sonntag wieder in der n8schicht trat mir ein etwas seltsamer Typ vor die Augen, den ich zuerst von hinten sah und aufgrund des Minirocks und des Tops eher für eine Frau hielt. Ich bekam den Tip, dieses Wesen sei ein Mann und schlich mich um die Tanzenden, um den Hinweis zu prüfen. Der Tip hatte durchaus recht und ich war bis in die Tiefe meines Herzens erschüttert, obwohl ich aus Bonn ja schon so einiges gewohnt war.
Das Froll’n hatte ein arg breites Kreuz und ein sehr markantes, männliches Gesicht, dessen Mund ekstatisch aufgerissen war. Die Augen geschlossen, den Kopf zurückgelegt und die Arme angewinkelt hin- und herschwingend, sah betreffende Person eher aus wie eine nymphomanische Dampflok auf LSD.
Ich hatte so meinen Spaß mit der Beobachtung.

Doch das ist längst nicht alles – hört, Leute, was ich noch zu berichten wei?.

Es gibt da diesen Typ in Duisdorf (der Stadtteil, in dem ich wohne). Auch ihn sah ich das erste mal von hinten. Er hat immer kurze, hellblaue Jeans an und ein violettes T-shirt, dass sich über den Bauch spannt. Lange, braune Locken wallten über den Rücken und ich wollte mich gerade über die pink lackierten Zehennägel mockieren, als sich der Typ mir gegenüber in den Zug setzte. Das war gar nicht so schlecht, denn so konnte ich die Person eingehend betrachten. Ob es nun nötig ist, im Frühjahr barfuß durch die Stadt zu laufen, sei mal dahingestellt. Sowas bin ich längst gewöhnt, das kenne ich von der linken Intelligenzelite meiner ehemaligen Schule aus der Provinz. Doch sein Gesicht sah wahrlich furchtbar aus, so furchtbar, dass ich schon ein wenig geschockt war und mir ein angewidertes Verziehen des Mundes nicht verkneifen konnte. Ich hatte ja immer inständig gehofft, dass der Pony als Frisur irgendwann mit den 80ern ausgestorben war, doch es gibt immer wieder eiserne Vertreter dieser fragwürdigen Mode. Der Pony dieser Person bildete eine so dichte Matte über der Stirn, dass er fast schon als Vokuhila durchging. Gegen die langen Locken kann man kaum was einwenden, auch nicht beim Mann. (“Solang die Haare gepflegt sind!”, meint Oma Pfiffig). Der wohl mutigste Versuch dieser Person, sich zu Frau umzustylen, waren wohl die gezupften Augenbrauen.

Lange überlegte ich, warum der Typ trotzdem so seltsam aussah. (Naja gut, vom Bierbauch, dem lila T-shirt, den barfüssigen, pink lackierten Zehen und der Ponymatte mal abgesehen….) Mir fiel es auf: Seine Bartstoppel paßten ganz und gar nicht ins Bild der Frau.
Gut, das üben wir also nochmal.

Aber das ist alles noch gar nix, gegen den älteren Mann, den ich im zarten Alter von 20 Jahren im BlowUp gesehen habe. Er trug eine seltsame rote Bluse, saß uns gegenüber. Ich war dort mit einigen Biologen und RedImp, nichts böses ahnend. Wir entschlossen uns, nicht von Vorurteilen geleitet, den Tyoen vorschnell abzustempeln. Wir haben uns ziemlich gewaltig getäuscht, denn manchmal bestätigen sich Vorurteile schneller und deutlicher als man denkt. Der Typ fing im Verlaufe des Abends an sich auszuziehen und trug unter seiner roten Bluse und der arschkurzen Jeans einen zauberhaften, weißen BH und Strapse.

Doch nicht nur Bonns frustrierte Transen in der Midlife-Crisis fordern immer wieder ein erstauntes “Oha!”, auch Penner und restliches Pack tragen ihren Teil zur Verschönerung der Stadt bei.

Ich wurde schon auf die abwechslungsreichste Art und Weise angeschnorrt. Dabei scheinen sich die Armen in einem heimlichen Wettkampf zu befinden, wer sich die dreistesten Schnorrersprüche einfallen lässt.
Auf den vorderen Plätzen ist ein Typ, gar nicht so schlecht zu Fuß, der die Hand aufhält mit der Äußerung: “Habta mal ein bissl Kleingeld für’n Aidskranken im Endstadium?” Hm. “Nein, sorry. Ich selber hab schon seit 2 Tagen Schnupfen und bin Student…weisste, ich hab auch nicht viel…”
Ich finde schon, daß er allein unter einer Brücke im Endstadium sterben sollte. Und das möglichst ruhig, ohne mich anzusprechen.

Ein Anderer ist auch sehr bekannt, aber eher dafür, daß er ständig zugedröhnt durch die Straßen schwankt, dabei Mülleimer, parkende Kinderwagen oder Straßenlaternen mitnimmt. Er ist relativ jung, vielleicht 3 Jahre jünger als ich. Damals, als er noch reden konnte, so mit 16, hatte er sich eine Finte ausgedacht, die an den klugen Reinecke Fuchs aus Sagen erinnert.
“Du, meine Eltern sind beide tot und ich bin jetzt auf der Straße und…haste mal ein bissl Kleingeld?”
Achnee, also DU bist der einzige Fall in Deutschland, Opfer der Bürokratie, gestürzt durch ein bodenloses Loch in den zahlreichen Maschen, die das Netz des sozialen Systems bilden. Du bist also dieser Junge, der, gebeutelt vom Schicksal, beide Eltern verloren und keine Vollwaisenrente bezieht. Du bist also die kleine Ameise, die Vater Staat in seiner grenzenlosen Rücksichtslosigkeit zerquetscht hat.
Ich hätte ihm vor Mitgefühl beinah die Hand geschüttelt…

Ihren Ideenreichtum stellen einige andere unter Beweis, die sich etwas ausdenken, damit die Spender für ihr Geld auch Leistung bekommen.
Es gibt da den Schuhputzer in der Fußgängerzone, der schon so manchen Uschischuh und einige Bankierstreter gesäubert hat. Ich hab ihn nicht gefragt, wie viel er damit verdient – aber ich muß schon sagen: das kann ich nur gutheißen.

Weiterhin hat sich kurz vor dem Weihnachtsfest ein Bettler eine kleine Blockflöte gekauft, um die weihnachtlich gestimmten Herzen der Fußgänger anzusprechen. Der Plan ist gut, denn zur Vorweihnachtszeit sitzt das Geld locker und bei jedem festlichen Klang schlagen die emotional strapazierten, konsumorientierten Herzen der oberen Mittelschicht Purzelbäume vor Freude und Rührung.
Er setzte sich mit seiner Blockflöte und einer Grifftabelle vor das Bonner Münster und begann Blockflöte zu lernen. Am Anfang noch holprig, die Töne suchend, konnte er nach der Weihnachtszeit ein ganzes Repertoire gar schöner Volkslieder flott vom Blatte spielen.
Auch jetzt, im Hochsommer, sitzt er noch da mit seiner Blockflöte und den Weihnachtsliedern. Die Methode verspricht Erfolg und erst vor wenigen Tagen sah ich einen Schwarzen, der sich mit wilden Blockflötenklängen ein Zubrot verdiente. Ist auch klar, denn Trommeln kann ja jeder…

Einer der bekanntesten Männer der Bonner Strassen ist jener alte Herr, der nachts durch die Kneipen streift und fragt “Kann’sch eusch ma maaaaallln?!”. Das ist toll, denn für den Spottpreis von 2 Euro bekommt man eine phantastische Bleistiftgraphik, auf der man sich selber als winziges Strichmännchen erkennen kann, wenn man nur geübt genug ist. Er ist so beliebt, daß eigens für ihn eine Homepage eingerichtet wurde, wo man ihn bei der Arbeit beobachten kann: Alle mal malen?! Wenn man betrunken genug ist, ärgert man sich auch nicht weiter über das investierte Geld (ist ja schließlich für die Kunst!).

Doch auch das ist noch nicht alles, es gibt zahlreiche kleine Anekdoten, die man sich von den Straßen Bonns erzählt. So z.B. die Frau, die mit Lupe um das Hauptgebäude läuft und Detektiv spielt.
Die zahlreichen Leute, die mit sich selber reden. Ob auf der Parkbank, im Botanischen Garten oder im Bus. Das schönste war eine Frau, die mit Klaus geschimpft hat. So lautstark, daß ich mich neugierig umschaute, was dieser Klaus denn so furchtbares verbrochen haben kann. Die Frau sah ich auch, sie sah auch wirklich glaubhaft aus, lamentierte aufgebracht. Klaus konnte ich nicht entdecken. Die Stelle im Bus, auf die ihr Blick gerichtet war, war leer.
Weiterhin der ältere, hungrige Herr, der seine Mc Donalds-Tüte aus der Aktentasche holte, noch ehe der Bus angefahren war. Zwei Big Mäc-Packungen zauberte er hervor. Die eine war geleert, er klaubte nur noch einige Zwiebeln hervor. Den anderen Burger packte er aus und verschlang ihn gierig und nicht ohne sich mit Fett und Sabber zu bekleckern. Die angewiderten Blicke der anderen ignorierte er, hungrig war er. Eine Frau konnte nicht an sich halten und gab ihm mit spitzen Fingern ein Taschentuch, mit dem er sich die Schnute kurz abwischte und dann wie ein Wilder weiter mampfte.

Belehrend waren auch jene Zwei: Zuerst sah ich die Mutter, im Rollstuhl. Mitleidig wollte ich mich schon fragen, was ihr wohl geschehen war, doch sie machte ihren Mund auf und der fehlerfreiste Unterschichtenslang bahnte sich seinen Weg nach draußen, so daß aus dem Mitleid flugs geschockte Überraschung wurde. Ihr Sohn wurde wildest beschimpft, sie würde ihn nie wieder mit einkaufen nehmen. Dies brachte sie nuschelnd und spuckend über die Lippen, als der Blick auf den Sohn frei wurde. Er war etwa 13, hinkte, hatte schiefe Schulten und lief gesenkten Hauptes. Sein unverständliches Gebrabbel und sein Gesichtsausdruck zeigten unmißverständlich, daß er mehr als ein Chromosom zu wenig hatte.

Erschrocken und zutiefst betroffen stellte ich fest, daß es mir irgendwie surreal erscheint, daß sich so etwas fortpflanzen kann.

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