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Biomarkt

Blogged in Konsumhölle by Gahi Dienstag Juli 12, 2005

Eben war ich im Biomarkt.
Da war ich vorher noch nie. Ich kam mir vor wie Alice im Wunderland. Staunend ging ich hindurch, von jeder Ecke schallte mir ein freundliches “Guten Tag” entgegen und es gab die absonderlichsten, biologisch korrekten Produkte.

Auch die übliche Supermarkt-Hierarchie existierte nicht. Aus Aldi&Co kennt man ja eigentlich die Reihenfolge: Kistenausräumer und Springer in der Unterschicht, die gebildete Mittelschicht sind Kassiererinnen, die sich jeden Preis jeden Gemüses merken können und schließlich kommt die Krone, der Adel: Die Frauen an der Information und der Supermarktleiter.

Nicht so im Biomarkt. Hier spiegelt sich die liberal-tolerante Lebensart der Käufer wieder. Alle Angestellten sind frei, gleich und brüderlich. Man muß nur etwas aufpassen, denn wenn man etwas zu lang vor einem Regal oder schaut man zu suchend – so springt einen gleich ein netter Bio-Angestellter an, der frei, gleich und brüderlich helfen will.
Die Käufer sind auch sehr interessant zu beobachten. Wohlhabend, tolerant und sehr freigeistig. Ob das nun Rentner sind, die sich auf ihre alten Tage mal etwas von der Masse abheben wollen, Kampfvegetarier, die ihre Moralkeule schwingen oder aufgeklärte, liberale Protestanten, die immer ein Lächeln auf dem Gesicht haben. Die Welt ist ja gut.

Heute waren nur junge Mütter da. Die Art von jungen Müttern, die dank ihres Mannes ganz gut betucht sind, sich für Emanzipation und freie Meinungsäusserung einsetzen, ihre Kinder antiauthoritär erziehen – und die eben hauptberuflich und durch und durch Mutter sind. Ihre Freizeit verbringen sie mit ihren Kindern im Biomarkt oder beim Seidenmalen. Sie probieren etwas Neues aus, sie tun sich und ihrer Familie Gutes – sie schaffen die neue Generation. Neue Helden für Deutschland, endlich geht’s los! Mit Janosch und Sumpfblütenhonig; naive Gutmütigkeit heißt das neue Dogma!

Eine dieser Mütter traf ich in der Tee-Ecke. Unfaßbar, es gibt tatsächlich für jede Lebenssituation einen Tee. Das hat die Mutter nicht weiter bemerkt, da sie in eine politisch korrekte Diskussion mit ihrer 2jährigen Tochter Emmi verstrickt war. Ich war überwältigt. Es gibt Jogging-Tee, Tee zum Stillen und Schwängern, Tee mit Schokolade, Power-Tee und jeden möglichen anderen Quatsch, den man mit etwas marktwirtschaftlichem Geschickt (gut, es braucht nicht viel) weltfremden Pazifisten mit bunten Tüchern und klimpernden Gitarrenlauten aufschwatzen kann. Zu horrenden Preisen.
Ich werde nächstes Jahr auch im Frühjahr ein paar Himbeerblätter sammeln und das für einen Haufen Kohle verhökern. Dann bin ich endlich reich.

Das Kaffeeregal war auch nicht schlecht. Ich war wirklich motiviert, welchen mitzunehmen. Wirklich! Leider konnte ich mir 8-11Euro pro Paket dann doch nicht leisten. Neben Weizenflocken und diversen Getreidepampepackungen fand ich Getreidearten, von denen ich im Leben noch nie gehört habe…

Ich klaubte ein paar Dinge zusammen, bezahlte und ging grinsend von dannen.
Denn der eine Spruch, der am Nudelregal hatte mir gute Laune für den Rest des Tages beschert. Ein Paket blutroter, länglicher Bionudeln lag dort. Mit einem Schild darunter, das mit der Anspielung “(Kunst)handwerk” jegliche Vernunftwindung des Biokäufers erfolgreich ausser Kraft setzt.
Auf dem Schild stand:

authentische Bioprodukte, handwerklich gefertigt

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