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Überlebenskünstler

Blogged in Studentenleben by Gahi Freitag Januar 13, 2006

Man trifft während des Studiums die unterschiedlichsten Typen. Manche sind nett, manche weniger und mit den meisten möchte man nicht unbedingt seine Freizeit verbringen.

In meinem jetzigen Blockpraktikum sehe ich ziemlich viele, die sonst nur molekularbiologische Sachen gemacht haben. Sie sind etwas anders als die Leute, die man so in den Systematik/Freiland-Veranstaltungen trifft. Ziemlich anders.

Da ist ein Mädel, etwas unscheinbar, Brille, kurze blonde Haare und Nadelstreifenbluse mit Pullover drüber. Das heisst, sie müsste aufgrund der Klamotten eigentlich Jura studieren. Tut sie aber nicht.
In der Mittagspause vor ein paar Tagen hab ich mich ein wenig mit ihr unterhalten – man muss ja auch mal seine Vorurteile beiseite lassen – und sie sich im direkten Dialog mit der betreffenden Person bestätigen lassen. Das ist viel wirksamer.

Es ging mit Musik los…Sie erzählte von ihren tollen Konzerten und wie sie von den grossen, starken Freunden ihres Bruders beschützt wird. Sie wär bei WIZO, Jimmy Eat World und Bad Religion gewesen, voll geschwärmt. Voll begeistert. Voll punkig. Saufen und abtanzen, auch Samstags mal in der N8schicht. Ich wüsst ja echt bessres als mit Turnschuhrockern rumzuhüpfen und mich wegen Stino-Mainstream-”Punk” rebellisch zu fühlen.
Auch ihre Hose war zerrissen, mit tollem, kariertem Unterhosenfetzen als Sichtschutz drunter genäht. Echt ganz schön kuhl. Auswandern will sie auch, aber erst, wenn sie mit der Ausbildung fertig ist. Auswandern und zwar nach Norwegen. Erst holt sie sich vom Staat noch die Kohle, die ihr zusteht und dann haut sie ab. Das erzählt die einem alles in voll überlegtem, ernsten, langsamen Tonfall…

Alles klar. Ganz schön clever. Vor allem, wenn man Bafög-Höchstsatz(das sind derzeit 585,-) bekommt. Sie ist auch so ganz schön rabiat und so. Wenn jemand das Fenster aufmachen will, dann droht sie mit den Fäusten. Egal, dass der “Bedrohte” sie auch ohne Kampfsport mehr als fix in die Tasche stecken würde. Man hat das Gefühl, manche Leute machen jetzt die pubertäre Phase durch, die andere mit 16 schon hinter sich gelassen haben. Inklusive aller holen Phrasen und Albernheiten.

Die schönsten Offenbarungen gab es allerdings in der Mensa. Man würde sich ganz von allein angewöhnen, ordentlich zu sein, wenn man ganz allein wohnt. Alle um sie herum schüttelten leicht den Kopf, grinsend. Hat sie nicht mitbekommen, sondern lamentierte erstmal weiter: Naja, so superordentlich sei sie auch nicht…schon auch chaotisch und so. Sie wirft die Schmutzwäsche ja auch einfach in den Wäschekorb, ohne sie vorher zusammen zu legen.

Hachschön…und heute morgen ging es direkt weiter. Als man fragte, in welchem Semester und wie weit sie sei, kam die Antwort: Im neunten. Aber ich krieg Bafög-Höchstsatz…ich muss im Comic-Laden arbeiten, damit ich überhaupt was zu essen habe.

Meinlieberherrgesangsverein! Da staunt der Betrachter! Schmutzwäsche nicht zusammenfalten und hungern müssen, um sich das Studium zu finanzieren…
Respekt, Du bist wahrlich eine Überlebenskünstlerin…in Deinem eigenen, ganz ganz grossen Comic.

Beneidenswert.

Aber es gibt eben auch eher schlichte Gemüter…

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