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Mitbewohner

Blogged in Alltag,Studentenleben by Gahi Mittwoch März 22, 2006

Es gibt Erlebnisse, nach denen man an Gott, dem Schicksal und dem Leben im allgemeinen zweifelt. Gegen das, was ich jetzt mit Floh erlebt habe, ist Murphys Law ein Kindergeburtstag und Douglas Adams “Herz aus Gold” mit dem unendlichen Unwahrscheinlichkeitsdrive ist nicht mehr als ein “netter Versuch”.
Aber ich sollte besser von vorn anfangen…

Irgendwann im Dezember des letzten Jahres heiratete unvermittelt mein Mitbewohner Jan, mit dem ich schon seit über drei Jahren eine Wg teilte. Unvermittelt ist wirklich das treffendste Wort, denn er vergass zuerst, uns von der Verlobung in Kenntnis zu setzen, später auch fast den Hochzeitstermin und beinahe auch das Einladen der Gäste. Trotz aller Widrigkeiten wurde es ein rauschendes Fest, das darin gipfelte, dass Jan Ende Januar aus der Wg auszog. Er fand mit seiner Frau Jessi eine Wohung und alles war gut, zumindest für ihn.

Zuerst schien es kein Problem, einen neuen Mitbewohner zu finden, denn Matthias, ein langjähriger Freund der Wg, war gerade von seinem einjährigen Selbstfindungstrip in Südafrika wiedergekommen und suchte eine Bleibe. Das traf sich gut – er zog vorrübergehend in das Zimmer. Man verstand sich. Dem Glück stand nur die Vermieterin im Wege. Da Matthias gerade aus Südafrika kam, war er arbeitslos, weswegen unsere Vermieterin ihn nicht als Nachmieter akzeptierte. Obwohl sie die Miete direkt vom Amt überwiesen bekommen hätte. Es führte kein Weg in eine Wohngemeinschaft mit Matthias.
Alles halb so wild.
Wir hatten genug Zeit, einen neuen Kandidaten zu finden.

Es fanden sich wirklich schnell welche. Zum einen Marlene, die eine Kommilitonin von mir ist und gerade aus Riesen-Silberfischchengründen eine neue Wohnung suchte. Zum anderen eine Bekannte von Matthias, die auch ein Dach über dem Kopf brauchte.
Blöd nur, dass Matthias jene Bekannte nicht mehr erreichte. Blieb Marlene. Sie zeigte sich wirklich sehr interessiert, hatte – ihrer Gewohnheit nach – schon etliche Male den Gedanken im Kopf hin- und hergewendet und sich schliesslich FÜR einen Einzug entschieden. Gefiel uns gut. Ihr Freund, der mich seit dem ersten Semester wohl schon nicht leiden kann, wollte sich das Zimmer auch noch anschauen. Das genügte, um die dreifache Zusage und einwöchigen Überlegungen Marlenes innerhalb eines Abends zunichte zu machen.

Sie wollte doch nicht mehr.

Das war zwar angesichts des voranschreitenden Monats Februar nicht sonderlich günstig, aber auch nicht SO schlimm. Wir hatten schliesslich noch zwei Wochen Zeit. Auf die von Jan und Matthias geschalteten Anzeigen meldete sich seltsamerweise erstmal niemand. Nach einer weiteren fruchtlos verstrichenen Woche wurde ich unruhig und setzte noch eine Anzeige auf die Seite, wo ich damals meine hoissgeliebte Haus-Wg gefunden hatte. Es meldeten sich prompt sagenhafte 5 Leute.

Der erste, Felix, kam direkt am nächsten Tag. Das äussere Erscheinungsbild war überwältigend. Leider aber nicht überzeugend. Er schlürfte in die Wohnung, hatte sein Käppi tief ins Gesicht gezogen, die Hosen hingen in den Kniekehlen…ich will ja nicht meine Vorurteile SO ausleben…aber eigentlich ging es bei dem nicht anders. Er war desinteressiert und wenn der Typ tatsächlich sowas wie Augen haben sollte, dann mussten sie irgendwo da hinter den riesigen, schwarzen Ringen liegen. Er kam für uns erstmal nicht in Frage. Es werden schon noch bessere kommen, dachten wir so für uns.

Am folgenden Samstag, der nochfolgendere Mittwoch wäre Einzugstermin gewesen, begann dann ein Besichtigungsmarathon. Erst Kim, dann Dirk, dann Peter, dann Stefanie. Erst eine Historikerin, dann ein Physiker, dann ein Wiwischaftler, dann eine Hunsrückerin. Am Telefon klangen sie auch alle ganz nett.
Kim war auch sehr nett. Wollte auch einziehen, aber sie war gerade 5 Minuten weg, da fiel uns auf, dass sie vergessen hatte, uns ihre Handynummer zu geben. Es werden schon noch bessere kommen, dachten wir so für uns.

Dann kam Dirk. Er schien von irgendwem ganz Gemeinem eine rohe Zwiebel und 4 Chilis in den Popo gesteckt bekommen haben. Er war ausser Rand und Band, übereifrig, hibbelig, trotz allem nicht unsympathisch. Ertragbar, dachten wir so für uns.

Der nächste war Peter, der einen etwas seltsamen oberlehrerhaften Freund mitbrachte. Peter hatte eine riesige Nase und der Freund ein Bierbäuchlein und eine Wintermütze auf. Dafür keine Jacke. Etwas seltsame Typen, aber ertragbar, dachten wir so für uns und ausserdem – wer weiss, vielleicht kommt ja tatsächlich noch eine bessere.

Steffi kam. Eine Stunde zu früh, aber das ist besser als zu spät. Sie beschäftigte sich direkt mit meinen Kleintierterroristen, wollte Geo studieren. Wir verstanden uns prächtig und uns war eigentlich direkt klar, dass sie einziehen sollte. Es passte einfach.

Wir gingen zuerst noch einkaufen, kochten und aßen Zwiebelkuchen und wollten am Abend den Bewerbern bescheid geben. Wir riefen Steffi an. Pech, eine andere Wg hatte ihr eine halbe Stunde vorher zugesagt…und wer zuerst mahlt…MIST!
Ausgerechnet unser Joker war schon vergeben. Die zweite Chance Kim konnten wir nicht kontaktieren, weil wir die Nummer nicht hatten.
Also warteten wir etwas, ob sie sich von sich aus melden würde. Der etwas finsetre Felix rief an und wir sagten ihm vorsichtshalber schon mal ab.
Als Kim sich nicht meldete, versuchte ich, Peter zu kontaktieren. Er war nicht erreichbar. Er hat bis heute nicht auf die SMS geantwortet.
Am nächsten morgen versuchte ich dann den letzten verbliebenen, Dirk-Physiker, zu erreichen. Er ging nicht ans Telefon.

Ich wurde nervös.

Irgendwann meldete er sich doch und wollte tatsächlich einziehen.
Ich war beruhigt und konnte endlich nach Hause fahren.

Heute dann Flohs Telefonanruf. Eigentlich hätte alles glatt gehen sollen, die Vermieterin akzeptiere ihn, er würde schon Laminat legen unsoweiter. Der Nachteil: Er redete sehr pflichtbewusst und laut mit sich selbst. Nichts ala: “Ach, ich Idiot! Jetzt hab ich das vergessen!”
Nahain! wenn schon, dann volle Breitseite. Er führte richtige Dialoge mit sich. Unverständlich, aber dafür laut.

Ich riet Floh, ihn darauf anzusprechen und er brachte in Erfahrung, dass Dirk schizophren sei, vor einem Jahr einen Anfall gehabt hätte, bei dem er in der Geschlossnen gelandet wär, ans Bett gefesselt und mit aller Schikane.
Seine Taktik bei der Wohnungssuche wär, den Leuten nicht zu sagen, dass er krank sei und seine Medikamente nicht nehme.

Ist wirklich durchdacht, angesichts dessen, dass er so laut mit sich selbst krakeelt, dass man es in der ganzen Wohnung hört. Wir legten ihm aus verschiedenen Gründen nah, auszuziehen.
Er tut das auch. Mittlerweile ist der 8. März und wir haben es in eineinhalb Monaten nicht geschafft, einen Nachmieter zu finden.

Dabei hatten wir 8(!) potentielle Kandidaten. Einer fiel nach dem anderen durch obskurste Gründe aus. Das wäre nicht so schlimm. Wäre der letzte verbliebene nicht ausgerechnet schizophren!

Nun werden Floh und ich anfangen Lotto zu spielen. Denn soviel Glück auf das Unwahrscheinlichste sollte man wahrlich nutzen!

Und der Spass geht weiter.

Mittlerweile haben wir insgesamt 30(!) Bewerber gehabt. Davon waren insgesamt etwa 22 da. Davon ist doch tatsächlich auch einer übrig geblieben, der bei uns einziehen wollte (und nicht etwa ne Wohnung weiter im Zentrum oder mit noch geringerer Miete suchte). Der Auserwählte heisst Daniel und wir waren guter Dinge, es vor Ende des Monats zu einem Mietvertrag zu bringen. Daniel versuchte die Vermieterin zu kontaktieren, vergeblich. Er hat es anderthalb Tage per Telefon versucht, ging aber nur ein seltsames Faxgerät ran. Also faxte er sein “Bewerbungsschreiben” inklusive Verdienstbescheid hin. Er verdient 650 Euro. Die Kaltmiete beträgt 200,-. Er verdient also mehr als das Dreifache. Das scheint unserer Vermieterin aber nicht zu genügen(weil er zwar 23, aber noch Lehrling ist). Sie will trotzdem eine Bürgschaft der Eltern. Auf die Frage hin, warum er dann eigentlich noch Kaution zahle, konnte sie nicht antworten. Dummerweise hat Daniel mit seinen Eltern gerade so einen Stress, dass er nicht glaubt, dass er von ihnen eine Bürgschaft bekommt. Aber nach Betteln und Drängeln rückte sie wenigstens eine Telefonnummer raus. Sie darf allerdings nur halb 12 angerufen werden, Dienstags freilich gar nicht.

Sie machte dann den glorreichen Vorschlag, dass entweder Floh oder ich als Hauptmieter eintreten sollen und die jeweils anderen als Untermieter in Vertrag nehmen. Dabei sollen die zuständigen Eltern dann für die gesamte Wohnung bürgen. Also indirekt für alle anderen Mitbewohner auch. Dann hat die Süsse keinen Ärger und kriegt pünktlich ihr Geld rein. Den Stress haben wir.

Wie hat Mama es so treffend ausgedrückt?
Scheissspiel.

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