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Meine Schlaaandfahne

Blogged in Mix,Politik by Gahi Mittwoch Juli 5, 2006

Schlaaand!
Lauter! *triller* SCHLAAAAAND!

Das Spiel Deutschland-Polen war das erste dieser Wm, das ich gesehen habe. Mit der alten Wg, großem Geschrei und einer Familienpackung Adrenalin. Euphorisch gingen wir nach dem Spiel auf die Straße, wo die ganzen anderen euphorisch auf der Straße waren und eigentlich hatte ich mir da schon vorgenommen, etwas über die Wm und die neue Deutschland-Manie zu schreiben. Ich habs nicht geschafft und nun ist das Spiel aus.

An diesem einen Abend, war die ganze Stadt überfüllt mit Deutschlandfahnen-Schwenkenden, besoffenen, grölenden Typen. Nur wurden sie diesmal nicht als Idioten bezeichnet, sondern die Medien feierten das neue, deutsche Selbstbewusstsein. Selbstreflexion inklusive, versteht sich. Es war neu für mich, ausgewachsene Männer total ausrasten zu sehen (nagut, Fussball…) – aber nicht nur der Proll mit Bierbauch und 5-Liter-Fass von neben an feierte, auch seriöse Büro-Schnallen brüllten auf einmal “ummpa-ummpa-ummpa-TÄÄÄTÄRÄÄÄÄÄ!” Es gab die tollsten Chorgesänge von “fienaaaaahle” über “steh auf…” bis “bärlien, bärlien, wir fahren nach bärlin!”

So ging es weiter. So ging es weiter im Achtelfinale, im Viertelfinale. Wir besiegten den Favoriten Argentinien, weil Herr Lehmann im Elfmeterschießen die besseren Nerven hatte (jaha! die Elektrolyte!) und Klinsi wurde gefeiert, die Deutschen wurden gefeiert. Endlich sind wir wieder wer! Wir feiern multikulturell mit allen Nationen im eigenen Land und entdecken ganz nebenbei und unbeschwert unsere eigene Nationalität wieder! Hört, hört! Das hätte ich nun wirklich nicht gedacht.

Floh und ich begannen, auf dem Weg zum Supermarkt, Deutschlandfahnen zu zählen. Der 5-Minuten-lange Weg brachte auf einen Schlag um die 35 ein und wir gaben auf. Nicht weil wir nicht weiter zählen können, es war einfach zu mühsam. Unser ehemaliger Lieblingsmitwohni Jan bekam eine Trillerpfeife geschenkt und führte sie uns vor, dass uns die Ohren schrillten. Mit Grinsen und Freude im Gesicht – wir sind noch dabei! Allerdings folgte bei den Live-Übertragungen immer beinah der Herzinfarkt. Eine Freundin wollte sich zum Halbfinale eine schwarz-rot-gelbe Blümchenkette kaufen, unser Geo-Prof machte freche Witzchen über das Halbfinale, sogar Fussball abwehrende Frauen wurden zu Fans. Natürlich heftig geschürt von der Bild, die nicht nur das am schönsten bemalte Gesicht, sondern auch die geilsten deutschen Fan-Weibchen kürte. Selbst seriöse(re) Zeitungen ergossen sich über die Mannschaft und den Tiptop-Trainer. Unglaublich, alles war im Rausch. Alles, jeder.

Die Leute tanzten auf den Straßen, blockierten den Verkehr. Machten ganz unbedarft anzügliche Scherze – die Deutschen sind ja jetzt das Spaß-Feier-Nationalvolk schlechthin, trillerten, grölten, feierten diese unsere Nation. Damit einher ging auch das Selbstverständnis der Unbesiegbarkeit. Beides hatten wir seit ’45 nicht mehr. Und da frage ich mich, ob ich während der Fussball-Wm peinlich-befremdlich berührt sein darf, wenn eine Horde stampfender Männer mit Deutschlandfahnen durch die Straßen zieht und im Rhythmus “SIEG!” brüllt.

Aber, achja, wir haben ja jetzt das neue Nationalbewusstsein. Gelten im Ausland nicht mehr nur als Nazis, sondern auch feiernde Fussballfreunde mit schönen Frauen und haben-ja-doch-Humor.

Die Frage ist, was nun passiert. Deutschland hat sich von Italien besiegen lassen.
Der Traum ist aus!
Obwohl die Bild wieder so schön gehetzt hat: Heut gibts eins auf die Nudel!

Aber nach dem 0:2 hupt keiner in Autokorsos, tanzt niemand auf der Straße, außer den Italienern. Müssen wir jetzt in unser altes Korsett zurück? Stumpf, kleinkariert, ohne eigenen Stolz? Was machen die Leute mit den ganzen Deutschlandfahnen, Deutschland-Schweissbändern, Deutschland-Röckchen und der Deutschland-Schminke? Ganz soweit sind wir dann wohl doch noch nicht, dass wir außerhalb von Fussball ein Nationalbewusstsein entwickeln können, richtig aus uns rausgehen feiern und die Welt mit unseren schönen Frauen beeindrucken können. Oder die Kleinkariertheit vergessen und Humor zeigen können. Wobei die Frauen sowieso nach einem gewissen Pegel ALLE schön sind und Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Ganz soweit wird es wohl doch nicht reichen, dass die Deutschen sich tatsächlich mal emanzipieren.

Fussball ist ja auch nur ein Spiel…

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