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Ikea-Trauma

Blogged in Alltag,Konsumhölle by Gahi Sonntag Januar 28, 2007

Es gibt Leute, die alle zwei Wochen zu Ikea fahren, ihren Lebensstil an Ikea-Design anpassen und das als eine Art Lebensgefühl sehen, genau diese biedere “Wir-versuchen’s-mal-unkonventionell”-Masche raushängen lassen, bei der sich mir der Magen umdreht.

Ich fahr nicht of zu Ikea und wenn, dann nur zum Möbel kaufen. Ich weiss, was ich will – geh hin und kauf es. Im Idealfall…Das letzte Mal war ich mit Ma & Pa bei Ikea, als ich gerade nach Bonn gezogen war und in meinem Zimmer nichts stand außer ein eisekalter, farbverkleckster Laminat-Boden, weil die Vormieterin den 2Mark/m²-Teppich noch rausgerissen hatte, um ihn in ihr neues Zimmer zu wurschteln.
Mein letztes Ikea-Erlebnis lag also 4einhalb Jahre zurück und dementsprechend divergierten auch Idealvorstellung (s.o.) und Realität.

Gestern wollten GottAlwin und ich dann endlich mit Kyra los, um sauer verdientes Geld in zwei Kleiderschränke und ein Bücherregal zu investieren – was eigentlich ja relativ unspektakulär über die Bühne gehen sollte.

Von Kyras Mama liehen wir einen 3er BMW und düsten los. Wir hatten 3 Stunden eingeplant und Kyra freute sich gewaltig auf das Smaland. Als wir ankamen, war kein einziger Parkplatz zu finden. Obwohl wir alle drei fleissig schauten, konnten wir keine Lücke nahe des Eingangs entdecken und fuhren schlussendlich ins Parkhaus. Nicht so schlimm, nur ein bissl weiter zu laufen. Wir sprangen los und am Smaland wartete das nächste Problem auf uns: Smaland voll. Vor uns eine Schlange Kinder, die nur schrumpfen würde, wenn liebevolle Eltern einen von den kleinen Lucas, Nicolas oder Hermines abholen würden.

Also musste Kyra mit. Ihr fiel dann auch gleich ein, dass sie a) sooo großen Hunger auf einmal hätte, dass wir unbedingt ins Bistro zum Elchgulasch müssten – und b) wir sofort zur Rutsche im Kinderzimmerabteil müssten. Am besten beides gleichzeitig und sofort. Sie war da weder durch gutes Zureden noch durch Ignorieren davon abzubringen, während GottAlwin und ich zwischen den vielen (einigermassen gleich aussehenden) Ikea-Stühlen jenen zu finden versuchten, der zu den anderen dreien zuhause passte.

Nach 20 Minuten haben wir das dann aufgegeben und sind weiter in Richtung Schlafzimmerabteilung gegangen. Wegen Umbau war auf dem Weg dahin kein einziges Bücherregal zu entdecken. Also hielten wir uns an die Kleiderschränke. Haben uns auch ein paar hübsche Varianten notiert und uns fleissig ausdrucken lassen, welche Teile man dann wie oft im Lager abholen müsste.

In der Kinderabteilung gab es auch hübsche Bettwäsche und wir dachten, wir könnten sowas für Kyra mitnehmen. Groteskerweise war die Bettwäsche für Kinder in den Größen eines normalen Doppelbettes. Da Kyra aber nur halb so groß ist wie zwei Leute, die ein Doppelbett brauchen – ist ihre Bettdecke auch nur halb so groß. Die Frage nach der richtigen Größe malte ein imaginäres (und trotzdem leuchtendes) Fragezeichen in das Gesicht der Mitarbeiterin.

Kyra und ich gingen “schon mal vor”, während GottAlwin versuchte, einen Ausdruck zu ergattern, auf dem Kyras zukünftiger Kleiderschrank im Lagerzeichenformat vermerkt war.
Das dauerte ziemlich lange. Also lernte ich das Interieur des aktuellen Ausstellungsraumes auswendig, während Kyra in einer synthetischen Hamsterröhre für Kleinkinder zu einem synthetischen Iglu-Zelt krabbelte – hin und zurück – und immer wieder – und nicht ohne den Mund zu halten. Das sah von außen etwas befremdlich und spaßig aus, so dass natürlich eine Latte von Kindern sich angestiftet fühlten, dasselbe zu tun. Und während die Kinnings die Einrichtung zerstörten und Synthetik-Kleinkinderröhre und Synthetik-Iglu bis an den Rand der Elastizität ausdehnten, dabei grölten, kreischten und durch den Dreck schlidderten – verlor ich langsam aber sicher ein wenig meine Nerven. Ich ließ mich auf einem (zugegebenermaßen) bequemen Aufpuste-Wasserblasen-Sitz-Bett (oder was auch immer) nieder und erwartete nicht mehr sehr viel von dem Tag. Mit Weitsprüngen hüpfte der kleine Zeiger auf der Uhr weiter. Dann kam GottAlwin zurück und es konnte weiter gehen.

Wir hatten bis dahin: aufgeschrieben, welche Schränke wir wollten; Kinderbettwäsche, ein Küchenbrett, einen Teppich fürs Kinderzimmer, eine aufgeschwatzte Ikea-Family-Card (4 Artikel ungewollt)

Wir hatten nicht die vermeintlich einfachste Übung: Bücherregal

Es ging weiter zur Warenausgabe. Da muss man natürlich vorher durch diese Räume durch, in denen es ein Haufen Kleinkram für “nur ein paar Euro” gibt. Geschirr, Kissen, Teppiche, Decken, Gläser, Deko-Artikel undundund.
Da waren wir natürlich auch nicht gegen gewappnet. Also kam noch ein gestreifter Bademantel für mich mit, eine Muffin-Form, eine Lampe und mehrere Bilderrahmen. Das ging auch anderen Leuten so, es war gerammelt voll und gab mehrere Staus mit gekreuzten Einkaufswagen und allem drum&dran.
Als nächstes kamen diese meterhohen Regale, wo die Möbelteile drin gestapelt waren. Kyra wusste nicht mehr, ob sie im Einkaufswagen stehen oder sitzen sollte und war überhaupt ziemlich zugebaut mit einer Muffinform, einer Lampe und mehreren Bilderrahmen.
Ganz unbedacht luden wir die Möbelteile auf und schoben sie zur Kasse, wo uns noch siedendheiss einfiel, was wir nicht vergessen durften: Knöpfe und Griffe für die Schranktüren. Eigentlich fiel uns das nur ein, weil die an Tempo gewonnene Ladung mit Mühe kurz vor den Knopf-und-Griffe-Regalen zum Stehen gebracht hatten. Gut, also Griffe und Knöpfe. Das Problem waren die unterschiedlichen Größen der Griffe. Und dummerweise waren die Schranktüren natürlich so eingepackt, dass man nicht die Front mit den vorgebohrten Grifflöchern und zugehörigen Abständen sehen konnte.
Also rannte GottAlwin zurück (“ich komm gleich wieder”), um einen Informanten von Ikea aufzutreiben. Er fand keinen und so nahmen wir einfach das mit, was uns am schönsten vorkam. (Heute beim Aufbau bemerkten wir, dass man die Löcher selbst in die Schranktüren bohren muss und wir die 15 Minuten Überlegung hätten sparen können…)

Wir stellten uns an der Kasse an. Das hat hinreichend lange gedauert, um auch noch Kerzen einzupacken (riechen nach Karamellbonbons und Schokokuchen) Zwischenstand: Alle 3 Artikel, die wir kaufen wollten ( Bücherregal noch in den Möbelregalen gefunden) + 9 ungewollte Artikel – keine schlechte Marketingstrategie. Ein Blick auf die Uhr sagte, dass es langsam knapp würde.
Zwei Teile mussten noch an der automatischen Warenausgabe abgeholt werden, dann nix wie heim. Das war leider nicht ganz so einfach, denn vor der Warenausgabe standen Leute, die schon seit einer Stunde warteten – und davon nicht gerade wenig. Wegen der langen Wartezeiten wurden Kaffeegutscheine ausgeteilt. Also ging ich mit Kyra ins Bistro nebenan um etwas zu essen und zu trinken zu kaufen. Wirklich, verdammt GUTE Marketingstrategie.

Endlich war alles verstaut und wir würden es sogar pünktlich heim schaffen. Das war dringend, denn Kyra hatte eine Verabredung mit ihrer Mama und einem Kindergartenfreund. Der Tag war schon nicht so ohne gewesen, aber jetzt ging es richtig los. Der Wagen mit den Brettern drauf zog total nach rechts, Kyra half mit schieben. Besser gesagt, zog sie auch noch mit nach rechts, was die Sache nicht gerade erleichterte.
Am Auto angekommen ging das Gewuchte los. Es wurde relativ schnell klar, dass ohne größere Umstände die Schränke nicht in das Auto zu bekommen waren. Ratlosigkeit. Wir überlegten. Die Zeit rückte vor. Dann sprang ich los, an der Info nachfragen. Kluger Gedanke: Wir sind bestimmt nicht die Einzigen, denen auf einmal auffällt, dass das Auto kleiner ist als das Gekaufte. Also fragte ich nach Seil und Wimpel um evtl. den Kofferraum festschnüren zu können und wurde zu einer stattlichen Rolle mit Strippe (anders kann mans nicht nennen) geschickt. Als ich damit vor GottAlwin stand, schüttelte der nur den Kopf und begann zu telefonieren.

Zuerst Kyras Mama, dass es da wohl ein Problem gäbe…und begeistert war sie wirklich nicht. Dann RedImp angerufen, ob der Kombi der Eltern verfügbar wär… War er nicht. Wir probierten noch einmal zu räumen – vergeblich. Wir räumten die größten und schwersten Pakete auf einen der zwei Wagen, GottAlwin schob sie zur Packstation um zu erfahren, wieviel eine Anlieferung kosten würde. Dabei kam raus, dass es billiger wäre, in Großraumtaxi zu bestellen und die Dinger damit heimfahren zu lassen.

Aber soweit waren wir noch nicht.

Es wurde Dragan um Hilfe angerufen (der Vater von Kyras bestem Freund Nicola). Er hat kein Auto mehr seit kurzem. Noch einmal die Größe der Pakete begutachtet. Kein neues Ergebnis. Der Kindersitz wurde auf den anderen Sitz bugsiert, die andere Rückbank mal umgeklappt. Aber das längste Paket passte trotzdem nicht vollständig hinein.Dann wurde noch einmal Kyras Mama angerufen. Die Familie, mit deren Sohn Kyra ein Date hatte, hat einen Kombi. Sie wollten gemeinsam zum Ikea kommen und einen Autotausch einleiten. Kyras Mama war ziemlich angefressen – aber gut. Egal. Die Rettung nahte. Kyra wurde langsam ungeduldig. Also durfte sie auf dem Fahrersitz am Lenkrad rumklettern, was ihre Stimmung enorm steigerte. Während sie am Lenkrad in Erwartung des Dates langsam durchdrehte, schrie, kletterte, hampelte und kreischte (krisch), kam ein Anruf: Der Kombi ist kaputt.

Ich sass im Auto neben einer hysterischen 4jährigen und konnte nur noch heulen.
Katastrophe.
Horror.

Nie wieder Ikea.

Nachdem wir mit dem Grübeln über den Transport bald eineinhalb Stunden zugebracht hatten und zu keinem neuen Ergebnis gekommen waren außer: Das Auto ist zu klein für die Möbel. – rissen wir ungeduldig den Kindersitz raus. Wir wuchteten alles, was ging ins Auto, schnürten es sporadisch irgendwie fest, setzten Kyra in ihren Kindersitz und den Kindersitz auf einen der Möbelwagen. GottAlwin fuhr wie der Teufel nach hause und ich schob Kyra zurück zum Ikea, während wir verstörte Blicke auf uns gerichtet fühlten. Wir sahen auch komisch aus: ich ziemlich aufgelöst, zerzaust von oben bis unten, Kyra teilnahmslos in einem Kindersitz auf einem Möbelwagen. Ich versuchte die Situation mit Smaland zu entschärfen. Kyra kam unter, aber ich hatte noch diesen riesigen Kindersitz dabei. Ich ging zu den Schließfächern, um meine Wohlbefinden nicht stundenlang an einen Kindersitz fesseln zu müssen, aber die Schließfächer waren (natürlich) 5cm zu schmal. Ich ging zurück zum Smaland, ob die den bei sich neben Kyras Sachen abstellen konnten – aber das durften sie nicht (warum auch immer), ich solle zur Information gehen. An der Information wurde mir in gebrochen Deutsch erklärt, es wär kein Platz mehr. Also setzte ich mich mit dem Kindersitz und ziemlich mieser Laune gegenüber vom Smaland auf eine Couch und wartete.
RedImp wollte mit seiner Prinzessin eigentlich zum Abendessen kommen, aber er war schon informiert, dass es “etwas später” werden könnte.

Nach ziemlich genau einer Stunde hörte ich von GottAlwin ein Lebenszeichen. Das war gut, denn ich hätte nach dem Tag schon fast eher mit einem Anruf von der Polizei gerechnet, dass da jemand tödlich verunglückt wär, weil in einer Kurve ein schlecht befestigter Kinderschrank und ein noch schlechter befestigter, großer Kleiderschrank den Fahrer eines 3er BMWs erschlagen hätten.
Aber glücklicherweise wurde kurz bevor GottAlwin wirklich wieder aufkreuzte durchgesagt, die kleine Kyra wolle aus dem Smaland abgeholt werden.

So fuhren wir tödlich erschöpft mit drei Stunden Verspätung nach hause, tranken Kaffee, gingen einkaufen, kochten…und es wurde trotz des horriblen Tages noch ein entspannter, schöner Abend.

Und heute haben wir den Kram aufgebaut….aber das ist eine eigene Geschichte.

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