Behördenmarathon
Ich habe gerade interessante Begegnungen mit dem urdeutschen Behördendschungel. Jeden Tag eine neue, erheiternde Geschichte und das kam so:
Ich hatte die hehre Intention, meine Diplomarbeit über einen aussterbenden Brutvogel im zweitgrößten Naturschutzgebiet NRWs zu machen. Der Brutvogel ist der Baumpieper (Ich habe Beamten bei dem Namen Loslachen hören…), ein sperlingsgroßer, kryptisch gefärbert Bodenbrüter, der auf Heidelandschaften und Waldränder steht. Davon gibt es in der Wahner Heide tatsächlich sehr viele. Der Baupi fliegt im Herbst ein paar tausend Kilometer nach Westafrika, weil es sich in Bürgrkriegsgebieten so muggelisch überwintern lässt. Dann kommt er Anfang April nach Deutschland zurück und brütet (hoffentlich erfolgreich). Das Problem ist nun, dass der Bestand seit Anfang der 90er Jahre einen massiven Einbruch erlitten hat, wie auch der anderer Waldvögel. Keiner weiß genau warum. Da es in der Wahner Heide noch eine intakte Population gibt und die Datenbasis aufgrund der langen Kartierarbeit einer ehrenamtlichen Gruppe ganz gut ist – bietet sich eine Diplomarbeit darüber an. Mit meiner Betreuerin und deren Doktoranden berieten wir die nähere Vorgehensweise. Es wurde schnell ersichtlich, dass ich einen Antrag schreiben müsste, um eine Genehmigung zur Durchführung meiner Untersuchungen im Naturschutzgebiet zu bekommen. Es hieß: Das sollte kein Problem sein. Auf die Frage, wie lange so eine Bearbeitung wohl dauern würde: Das geht ganz schnell.
Aber da hatten wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
Mitte Februar, also eineinhalb Monate vor Beginn der Freilandarbeit, versuchte ich rauszubekommen, an wen genau ich mich wenden sollte. Ich fragte bei der Unteren Landschaftsbehörde Bonn nach, aber eine Email bleib unbeantwortet. Auf telefonische Nachfrage bekam ich die Antwort: “Also WIR sind auf jeden Fall nicht zuständig.” Jut.
Ich bekam raus, dass drei Kreise die Wahner Heide verwalten. Also dreifache Arbeit, aber was tut man nicht alles. Ich versuchte, bei den Servicenummern der drei Kreise die zuständigen Bearbeiter zu erfragen. Es ging und ging keiner ans Telefon. Irgendwann, nach dem ich mir einen ganzen Vormittag lang die Finger wund getippt hatte, fiel mir auf, dass Weiberfastnacht war. Tusch Man vergisst als Nicht-Rheinländer ziemlich schnell, dass Köln, Bonn und Düsseldorf einmal im Jahr ganz unvermittelt in Freude explodiern und dass dann ohne Rücksicht auf Verluste gesoffen und gepoppt wird. Nebenbei zieht man sich ein bißchen lustig an und brüllt KAMELLE! oder ALAAAAAF!. Oder beides abwechselnd. Von Donnerstag bis Dienstag erreichte ich niemanden in den Behörden – mit Ausnahme einer etwas unterkühlt wirkenden Sachbearbeiterin vom Rheinisch-Bergischen Kreis. Sie gab mir glücklicherweise schon einmal Anhaltspunkte, was in so einen Antrag hineingehört.
Der Bearbeiterin vom Rhein-Sieg-Kreis hatte ich schon auf den Anrufbeantworter gesprochen (Donnerstag) und als sie sich bis Mittwoch nicht zurückmeldete und auch nicht ans Telefon ging, rief ich einfach irgendjemanden in der Behörde an, der mir sagte, die gute Frau wär nicht im Haus, aber ich solle mal die Kollegin anrufen, die bei ihr im Zimmer sitzt.
Diese erzählte mir, die arme Frau wäre krank, hörte sich aber geduldig mein Problem an. Ich solle ihr einfach per Email den Antrag rüberschicken, sie würde das schon vorbereiten, damit die Kollegin dass dann gleich fertig machen könne, wenn sie wieder gesund sei. Traumhaft. Sogar ein elektronisches Medium ist möglich! Ich war begeistert und sah mein Anliegen voran kommen.
Als letztes erreichte ich auch einen Bearbeiter der Unteren Landschaftsbehörde Köln. Auch er erklärte mir die Vorgehensweise seh freundlich und machte mich auf die Kampfmittelbelastung aufmerksam. Ein extra Antrag für das Ordnungsamt Köln sei nötig. Außerdem eine Karte, auf der ich zu bearbeitende Gebiete eingrenze. Er gab mir die Adressen und ich machte mich an die Arbeit.
Kurze Zeit später kam vom Rhein-Sieg-Kreis noch die Aufforderung, ebenfalls eine Karte der Untersuchungsgebiete zu erstellen. Ich will in ein Naturschutzgebiet, um zu schauen, wo ein Vogel vorkommt. Und soll vorab eine Karte machen, in die ich einzeichne, wo der Vogel vorkommt. Aber so ist das eben – manchmal etwas schwierig mit den Beamten. Ich installierte Googel Earth, besorgte mir schöne Luftaufnahmen der Wahner Heide, grenzte großzügig anhand der Vegetation ein, wo der Baumpieper wär. Dazu schrieb ich eine Begründung, warum ich genau jene Gebiete auswählte.
Dann ging es hoch her. Die vorbereitende (für die kranke) Sachbearbeiterin schrieb mir, wenn sie alles kontaktieren müsse – also nur für 1/3 des NSGs, für den Teil, der vom Rhein-Sieg-Kreis verwaltet wird. Sie müsse kontaktieren:
- die Bundeswehr -> als militärischen Nutzer
- das Bundesforstamt -> als Eigentümer
- den Artenschutz wg. Ausnahmegenehmigung zum Fang von Insekten
- Stadt Troisdorf wg. Ausnahmegenehmigung nach Gefahrenabwehrverordnung
- landschaftsschutzrechtliche Befreiung von dem Betretungsverbot des Naturschutzgebietes
Hola, die Waldfee! Sie schrieb mir, sie wolle sich melden, sobald die anderen sich gemeldet haben.
Gestern dann die Hiobsbotschaft von der Front Rhein-Sieg-Kreis. Die Bundeswehr und das Bundesforstamt verweigern die Zustimmung, da ein Untersuchungsgebiet auf dem Truppenübungsplatz (anscheinend kann das Militär im NSG besonders gut “üben”) und militärischem Sperrgebiet liegt. Meine gesundete Sachbearbeiterin versuchte mir so schonen wie möglich beizubringen, dass es “schlecht aussieht”. Ich solle aber nochmal den Herrn vom Bundesforstamt kontaktieren, auch die Frau vom Ordnungsamt. Aber selbst, wenn die zustimmen würden, müsste noch der Landrat eine Eilentscheidung treffen undundund. Gut.
Kurz darauf erhielt ich einen Anruf von meiner Sachbearbeiterin vom Rheinisch-Bergischen Kreis. Bitte Ordnungsamt in Rösrath kontaktieren und am besten noch einen Antrag schreiben. Klar, warum nicht. Der Herr vom Ordnungsamt war sehr freundlich und witzig. Er erzählte mir Horrorgeschichten über die Wahner Heide, gewürzt mit einer Prise Beamtenhumor. Er erzählte mir, was da in den Weltkriegen schon erprobt wurde (“Senfgas!”, “Bomben!”) und dass es Gebiete gäbe, in die sich nicht mal das belgische Militär getraut hat (die haben die Wahner Heide nach dem 2. WK genutzt), weil denen ständig die Panzer um die Ohren geflogen sind. Ich wand ein, dass das Gebiet ja auch beweidet würde. Daraufhin meinte er, dass man auf die Anwesenheit eines in die Luft geflogenen Schafes wohl verzichten könne, aber nur schwerlich auf meine (was Mama auch findet
). Also bekam das Ordnungsamt Rösrath für den Rheinisch-Bergischen Kreis eine Kopie des Antrages.
Das Bundesforstamt und das Ordnungsamt Troisdorf (für Rhein-Sieg-Kreis) habe ich am selben Tag nicht mehr erreichen können.
Dafür rief mich heute morgen mein Betreuer an. Er habe mit der ULB Köln telefoniert. Sie wüssten zwar von dem Antrag – aber er wär noch nicht eingegangen. Moment. Ich habe den Montag losgeschickt, heute ist Donnerstag. Hm. Ich versprach, nachzufragen und nahm mir direkt die Anrufe beim Ordnungsamt und der ULB Köln vor. Das Ordnungsamt freute sich, denn es hatte den Antrag, auch schon in Bearbeitung und mehr wollte ich von denen gar nicht. Also fein, schön Tach noch, Wiederhörn.
Es kann also nicht an der Post oder dem Briefkasten gelegen haben.
In der ULB ging ein grimmiger Herr ans Telefon. “Ja, den Antrag. Den ha’isch kurz jesehen, aber ich hab die Post noch nisch forteilt. – Moment mal, den habense ja auch erst am 26. abjeschickt.” – “Ja…” – “Naja, dann ist der am siemzwanzischste hier einjejangen. Gestern ha’isch den dat erste Mal jesehn und heude ha’isch die Post noch nisch verteilt. So schnell arbeite ma dann doch nich in Kölllln.” Ok. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Post zwei Tage nach Eingang noch nicht beim zugehörigen Sachbearbeiter ist – aber jetzt weiß ichs. [Ich hab schon gemutmaßt, ob er keine Zeit dafür hat, weil er seinen Rechner neu aufsetzen muß - mal wieder auf p0rn.zip.exe geklickt? HÄHÄ!]
Danach war das Bundesforstamt dran. Bedauern der Ablehnung, weil solche Arbeiten gern gesehen sind. Die Bundeswehr läßt neben den offiziellen Kartierungen keine weiteren zu. Das wäre das Hauptproblem. Wenn ich die Gebietskarte für den Rhein-Sieg-Kreis abändern würde, wäre es kein Problem. Jippieh!
Aber ich sollte ja noch das Ordnungsamt kontaktieren. Die Sachbearbeiterin war wieder sehr freundlich udn meinte – ja wenn die ULB nichts dagegen hätte, dann wär das kein Problem. Ich soll nur den abgeänderten Antrag an die ULB schicken, weiterleiten lassen und wenn die ihr Ok geben, wär die Sache geritzt.
Jippiiiieeeh!
Aber: Freud und Leid liegen bekanntlich nah beieinander. Mal sehn, was der morgige Tag bringt…
Irgendwie hatte ich es ja fast geahnt…heute, einen Tag später, macht auf einmal das Ordnungsamt Köln Ärger wegen der Kampfmittelbelastung. Dabei hatte ich die Zustimmung von Köln schon fast sicher…
Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll
5.03.07
Habe eben Frau S. vom Rheinisch-Bergischen Kreis angerufen. Das ist meine Sachbearbeiterin dort bei der ULB. Der Beirat habe zugestimmt. Sie bräuchte nur noch die Zustimmung der Naturschutzverbände. Außerdem habe der Artenschutz noch nichts gesagt. Sie stellte mich durch zum Herrn K. Der freute sich über meinen Anruf, weil er mich eh kontaktieren wollte. Nachdem ich nochmal beteuert hab, dass ich keine Viecher umbringen will, erklärte er sich einverstanden. Er würde die Stellungnahme gleich fertig machen. Hach, sehr schön. Da freute sich auch Frau S. drüber. Sie wolle bei den Naturschutzbehörden morgen mal durchklingeln und dann Anfang nächster Woche die Genehmigung fertig machen. Aber mit dem Ordnungsamt solle ich noch einmal telefonieren. Da wüßte sie auch nicht so genau, wie das läuft.
Da ich die bisher noch nicht erreicht habe, kontaktierte ich nochmal das Ordnungsamt in Köln. Wieder der freundliche Mann, der mich schon an der Stimme erkennt, aber letzten Freitag große Bedenken geäußert habe. Die Chefin sei erkrankt, aber sobald sich etwas neues ergäbe, würde er mich anrufen. Er würde die ULB Köln kontaktieren (die hat mein Betreuer ja schon weichgeklopft) und sich dann schleunigst bei mir melden, damit ich genug Zeit zur Planung habe. Er habe Verständnis für mein Anliegen. Hä? Ich meine: HÄÄÄÄÄ??? Auf einmal??? Ich kann nur hoffen, dass er einen verständnisvollen Tag hat, wenn er die Genehmigung schreibt.

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