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Antrag A38

Blogged in Allgemein by Gahi Montag Juni 30, 2008

Da ich jung und arbeitswütig bin, gerade mein Studium beendet habe und nebenbei auch eine aufrechte Deutsche bin, hatte ich vor, wie sich das für aufrechte Arbeitsdeutsche nunmal gehört, meine bevorstehende Arbeitslosigkeit beim Arbeitsamt zu melden. Schließlich wär es denkbar, dass ich über einen längeren Zeitraum eine Arbeitsstelle werde suchen müssen und da ist es von Vorteil, sich rechtzeitig arbeitssuchend zu melden, um im Zweifelsfall den Staat darum zu bitten, einem die Brötchen zu besorgen.

Da man sich laut der Homepage der Arbeitsagentur, einigen Faltblättern der Arbeitsagentur und den Erfahrungen und Informationen von Freunden rechtzeitig (sprich: 3 Monate vor Beginn der Arbeitslosigkeit) arbeitssuchend melden muss, ging ich zum Arbeitsamt in Köln, natürlich nicht ohne mich vorher telefonisch über eine kostenpflichtige Nummer (jaja, die Arbeitslosen haben’s ja!) informiert zu haben, ob ich mich überall bundesweit arbeitssuchend melden könne, unabhängig vom Wohnsitz. Das wär kein Problem und es sei auch richtig sich zunächst nur arbeitssuchend zu melden.

 So kam es, dass ich zwei Wochen nach Absolvierung der letzten Prüfung in ein modern hässliches Gebäude der Arge ging, auf dem vorn groß und in rot stand Jobcenter. Wie konnte ich nur so naiv sein, zu glauben, dort würde es tatsächlich um Arbeitssuche gehn. Da kein einziges Hinweisschild im ganzen Foyer stand, tappte ich erst einmal etwas ziellos durch die Räume, bis ich den Wartesaal fand, in dem aber kein Automat zum Markenziehen war. Also zurück ins Foyer, wo an einer verstecketen Ecke jener Automat stand, übrigens ein nicht seltenes Leiden bei der Arge, dass die Automaten nicht etwa an der Wand angebracht werden, auf der der Blick beim Eintritt haftet, sondern irgendwo an der Seite, so dass man auch schön suchen muss. Ich zog eine Marke, setzte mich in den Wartesaal und kramte mein Buch hervor, denn meine Nummer war von denen auf der Anzeige weit entfernt. Ich wartete etwa eine halbe Stunde, dann wurde ich in ein Zimmer gerufen, in dem ein dicker, nervöser Typ saß, dem das Versagertum und die Frustration aus dem Gesicht sprang und direkt auf mich drauf. Er wippte ständig mit seinem Bein, vermutlich um abzunehmen, oder um mich schlicht zu demoralisieren. Er war auch nicht sonderlich freundlich, vor allem nicht, als er sagte, ich hätte zum Arbeitssuchendmelden in das andere Gebäude gehen sollen, hier könne man nur ALG2 beantragen. Meine Antwort, dass es toll sei, dass hier überall Hinweisschilder ständen und ich so also umsonst gewartet hätte, ließ ihn verdutzt ausschauen. Ironie ist schon ein scharfes und schwer zu verstehendes Schwert. Er fragte mich, ob ich denn ALG2 beantragen wollte, woraufhin ich ihm erklärte, dass man das doch nur könne, wenn man vorher arbeitssuchend gemeldet sei. Das war dann aber seiner Meinung nach auf einmal doch nicht so und er wollte den Antrag mit mir stellen. Gut, dachte ich. Dann eben so. Nachdem er meinen Personalausweis in der Hand hielt, schnauzte er mich an, ich sei ja nicht in Köln gemeldet, also könne ich hier auch kein ALG2 beantragen. Mit zusammengebissenen, knirschenden Zähnen antwortete ich: Ich weiß. Ich WOLLTE mich ja auch eigentlich nur arbeitssuchend melden. Und dazu muss man nicht hier gemeldet sein.

Wer mich kennt, kann sich vorstellen, wie es in mir aussah, dass mein Blut hellrot brodelte vor Wut und ich mühsamm um Beherrschung rang. Er wollte nun einiges zu meiner Wohnsituation wissen und telefonierte mit einem Kollegen, weil er nicht wusste, wie er damit umgehen sollte, dass der Hauptwohnsitz erst in zwei Wochen Köln ist. Ich glaube, er hat nicht einmal erfasst, dass Nebenwohnsitze wegen der Krankenversicherung für Studenten Alltag sind. Als er dann feststellte, dass ich noch 24 und somit Spezialfall bin, wurde es noch komplizierter. Er eröffnete mir, dass mein Lebensgefährte, der ja über 25 ist, den ALG2-Antrag für mich stellen und zu den Gesprächsterminen bei den Beratern gehen müsste. Ich war erst sprachlos, dann empört, dann besann ich mich, ihm zu sagen, dass ich in weniger als einem Monate 25 werden würde. Das war aber egal, da das Datum der Antragsstellung zählte. Er telefonierte noch einmal mit seinem Kollegen, die Kundin sei etwas schwierig, sei unter 25 und wolle irgendwie nicht, dass ihr Freund den Antrag für sie stelle.

Ich stand auf und ging.

 

Im Nebenhaus wollte ich es erneut versuchen, denn dort sitzt das Team für U25-Spezialfälle. Ich stellte mich am Empfang an, um mir sagen zu lassen, wo sich das U25-Team befindet und ging dort hin, durch schlauchlange Gänge. Hier war der Automat neben der Eingangstür befestigt, so dass man ihn direkt entdeckt, wenn man aus dem Raum heraus geht, man ihn also beim hereinkommen wieder erst suchen muss. Ich zog erneut eine Nummer, nahm mir erneut mein Buch, wartete erneut. Als ich ins Zimmer kam, schaute die Bearbeiterin kaum auf, bis ich sie ansprach. Ich setzte an, ich wolle mich arbeitssuchend melden und sie fiel mir direkt ins Wort, ob mit oder ohne Leistung. Ich trug ihr mein Geschichtchen vom Nachbarhaus vor und fragte sie ungläubig, ob tatsächlich mein Freund den Antrag für mich stellen solle. Sie bekräftigte dies mit einem Janatürlich und ich entschloss mich, mir diese Blöße nicht erneut zu geben. Ich war mit meinem Diplom besser ausgebildet als jeder einzelne in diesem Haus, habe bereits zwei mal den Bundestag und Landtag gewählt und muss mir von einer frustrierten Tippse sagen lassen, ich könne meinen eigenen Antrag nicht ausfüllen, sei demnach unmündig. Ich fragte sie etwas gereizt, wo ich mich denn nun arbeitssuchend ohne Ansprüche melden könne. Ich solle mich im Erdgeschoss am Empfang anstellen, die würden mich weiterleiten. Ich verließ mit einem “Aber gern doch, ich hab ja sonst nichts zu tun” den Raum und gab mir keine Mühe, die Tür leise zu schließen.

Ich brauchte ersteinmal eine Pause, ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, wie Asterix und Obelix nach dem Antrag A38 zu fragen, begab mich aber erst einmal nach Hause und heulte vor Wut. Nach einer Viertelstunde hatte ich mich soweit beruhigt, dass ich über diese unglaubliche Skurrilität lachen konnte und überwand mich, den Rest des versauten Tages, auch noch in die Arge Köln zu lassen. Ich ging ins Foyer des zweiten modern hässlichen Gebäudes, stellte mich an, wartete und ließ mir sagen, dass es bei der Arbeitssuchendmeldung gerade ganz voll wär, ob ich warten könne. Ich nickte buddhistisch gutmütig, ließ mir den Fragebogen geben und setzte mich hin und wartete. Ich füllte den Fragebogen aus, mein Buch hatte ich längst ausgelesen und nach einer Dreiviertelstunde wurde ich aufgerufen.

 

Die Dame war ebenso unmotiviert wie ihre Vorgänger und schnauzte mich als erstes an, ich hätte den Fragebogen gar nicht vollständig ausgefüllt. Sie wollte mich gerade zurückschicken, als ich sie darauf hinwies, dass sie da wohl etwas übersehen hatte, denn der Fragebogen sei sehr wohl vollständig ausgefüllt. Sie hatte tatsächlich das Feld mit der Berufsausbildung überlesen. Dann fragte sie das für mich Unglaubliche: ” Dipl. Biologin? Was ist denn das??? Haben Sie Staatsexamen oder was ist das für ein Abschluß???”. Mit einem zuckersüßen Lächeln antwortete ich: “Aber nein, das ist die Abkürzung für Diplom.” Und die Gute antwortete – tatsächlich! – ebenfalls lächelnd ”Ach, ich kenn mich da nicht so gut aus…” Nun, nicht alle Arbeitgeber suchen ihr Personal nach Kompetenz aus, die Agentur für Arbeit, selbsternannter Spezialist auf diesem Gebiet, gehört offensichtlich dazu.

Sie ging mit mir Schritt für Schritt den Fragebogen durch und fragte mich erstaunt, ob wirklich ein Kind im Haushalt leben würde. Ich antwortete wahrheitsgemäß: “Ja, das Kind meines Lebensgefährten.” – “Aber das ist nicht Ihr Kind?” – “Nein. Aber es isst trotzdem was.” – “Achso. Ja, aber wenn das das Kind Ihres Lebensgefährten ist, dann ist das ja sein Problem. Das kann Ihnen ja egal sein.”

Zum wiederholten Male war ich sprachlos, ob dieser Kaltschnäuzigkeit, Unbildung und Unverschämtheit. Kinder sind also ein Problem und unter 25 ist man sowieso unmündig. Gute Nacht, Deutschland! Ein Land mit so schlechten Manieren hat allen Grund sich zu schämen, ob im internationalen Vergleich oder daheim! Nachdem ich die Leute kennengelernt hab, die in der Agentur für Arbeit sitzen, wundern mich 4 Millionen Arbeitslose überhaupt nicht mehr, eher dass es nicht noch viel mehr sind!

Die Bearbeiterin vermittelte mir einen Termin zwei Wochen später bei einer gewissen Frau Arndt. Diese solle mir helfen, ins Arbeitsleben zu finden. Heute früh ging ich zu diesem Termin. Nicht ohne den Rat meines Lebensgefährten, ich solle ruhig bleiben, mich nicht aufregen und ja nich zuviel erwarten. Und nicht ohne den lachenden Rat eines fünfjährigen Problemkindes, das mich sehr wohl etwas angeht, ich solle nicht zu viel arbeiten.

Frau Arndt war freundlich, aber wie die vorherige Bearbeiterin etwas hilflos, was die Technik und einige Berufsbezeichnungen angeht. Sie lächelte scherzend und entschuldigend, etwas verlegen, um diese Unbildung zu überspielen. Immer wieder machte ich sie auf Tippfehler aufmerksam, die sie lächelnd mit “Deswegen hab ich den Bildschirm zu Ihnen gedreht, damit Sie auch darauf achten könnnen…” kommentierte. Sie tippte mit zwei Zeigefingern und bei dem Wort Ökologie musste ich sie zwei mal korrigieren, weil sie zuerst “Ökoogie” schrieb, dann “Ökölogie” korrigierte und etwas unfassbar schaute, als ich sagte, es wäre noch ein ö zuviel. Wie bei meinem vorherigen Termin in der Agentur für Arbeit verlor ich mich in Gedanken, mich doch so naheliegend zu bewerben. Die Arbeit, die diese Schreibkräfte verrichten, könnte ich dreimal schneller, korrekter und effektiver bearbeiten. Auf jeden Punkt in meinem Arbeitnehmerprofil musste ich sie selbst hinweisen, sonst würde dort jetzt nicht stehen, dass ich schon während des Studiums in meinem Beruf mehrfach gearbeitet habe und dass ich umfangreiche EDV-Kenntnisse in fachbezogener Software besitze.

Hätte ich mich von zuhaus aus in das System einloggen können, um meine Anzeige selbst zu schreiben, hätte die Angelegenheit 10 Minuten gedauert, mit Agentur für Arbeit dauerte es eine halbe Stunde. Sie beriet mich nicht bei der Angabe bestimmter Fähigkeiten, konnte nicht sagen, auf welche Fähigkeiten (z.B. Social Skills) auf dem Arbeitsmarkt Wert gelegt wird. Auch dass ich finanzielle Unterstützungen bei der Bewerbung und Reisekosten bekomme, erfuhr ich erst auf direkte Nachfrage. Die Jobbörsen, die sie mir nannte, kannte ich schon, ich klärte sie sogar auf, welche es noch gibt in meinem Fachbereich. Letztendlich habe ich die gut 35 Minuten in erster Linie darein investiert, mir den Antragsbogen für die Rückerstattung von Bewerbungskosten mitzunehmen.

Aber das ist ja immerhin auch schon was.

Kommentare

  1. Oh Gahi, hättest du doch ein Bild, das dich nach deinem ersten Besuch im Asterixhaus zeigt, dazugetan … das hätte mich davon abgehalten, ungläubig-resigniert-irre zu lachen.

    Was schaffst du es auch immer, so einen Wust von Inkompetenz und Frechheit um dich zu versammeln? *schüttelt sich*

    Wir können ein Resümée ziehen:

    Ehemalige Ämter (nun Bundesagenturen) können sich bei Fastfoodrestaurants abschauen, wie man die Kunden durch geschicktes Platzieren von Einrichtungsgegenständen wegekelt. Unbequeme Stühle beim McDoof – versteckte der-nächste-Karten-Automaten in der Arge.

    Die Arge bekämpft die Arbeitslosigkeit genau an einer Front. Und auf eine Art. Nämlich ganz unten – indem sie die gaaanz hoffnungslosen Fälle selbst einstellt.

    Kinder SIND ein Problem! Das muss endlich mal publik gemacht und auf breiter Front angegangen werden!! Geht ja nich an dass nur die Geld kosten!

    Menschen, die in der Regelstudienzeit fertigwerden, sind Spezialfälle.

    Diplombiologinnen sind unmündig.

    Menschen die mit EDV-Anlagen arbeiten müssen diese nicht bedienen können. Und müssen sich nicht vorstellen können, das andere das können.

    Trackback by Ganayan 30. Juni 2008 14:08

  2. Ja, es ist wirklich desillusionierend…
    Aber hätt ich Deinen Kommentar und das Gespräch mit Dir gestern nicht gehabt, wärs noch schlimmer gewesen ;)

    Trackback by gahi 1. Juli 2008 07:35

  3. Mensch Gahi.
    Wahrscheinlich haben die netten Damen und Herren Sachbearbeiter eben nicht verstanden, dass man erst ein Diplom in Biologie machen muss, um möglichst früh Kinder zu kriegen (wie auch immer…) und sich bevormunden zu lassen. Zumindest, wenn man in Schland wohnt.
    Ich bin ja schon gespannt auf die Fortsetzung und vermute, dass sie Dir eine Zugfahrkarte kaufen werden, um Dich zurück nach Hause zu schicken. Rückführung nennt man das dann. Kennen wir ja alles.
    Wenn dem so sein sollte: Nimm das Problemkind mit – äh, nein, Du als Unmündige kannst ja höchstens Deinen Mann bitten, es mitzunehmen, also: Bitte Deinen Mann, das Kind mitzunehmen und lass Dich zurückführen. Gibt Frühstück bei mir. Naja, für das Kind natürlich nicht. Das isst ja nix.

    Trackback by Morné Mirastelle 1. Juli 2008 10:23

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