Amphi-Festival 2008 – der Samstag
Nach einigem Hin und Her in der Planung, konnte ich mich dieses Jahr erst sehr spät dafür entscheiden, zum IV. Amphi-Festival (19.-20.07.2008) zu gehen. Etwa eine Woche vor Beginn meldete der Veranstalter, das Festival sei restlos ausverkauft und nur mit etwas Glück gelang uns noch das Reservieren von Karten an der Abendkasse. Da wir dem „Aufbewahren bis 16 Uhr“ nicht so ganz vertrauten, machten wir uns am Samstag Vormittag, so gegen 11, auf den Weg, unsere Karten abzuholen. Seltsamerweise waren in der Bahn auf dem Weg dorthin kaum entsprechend gekleidete Gestalten zu sehen, dafür aber direkt vor dem Gelände. Denn dort wartete schon eine ganze Schlange – die Glücklichen hatten schon Karten – vor dem Einlaß.
In der Schlange für die reservierten Karten kam es zu Verzögerungen, weil zwei Mädels zwei Karten bestellt, zwei Karten bezahlt, aber nur eine bekommen hatten. Die Mädels waren sichtlich angepisst, bekamen ihre fehlende Karte nicht, dafür das Mitleid der Umstehenden – aber was soll man mit Mitleid anfangen, wenn man ein Ticket möchte?! Bei der Aktion flatterte mir schon etwas das Herz, aber schließlich erhielten wir unser Bändchen und waren froh, dass mit der Reservierung alles geklappt hatte.
Wir fuhren noch einmal kurz nach Hause um uns – in weiser Voraussicht der Preise für Essbares - den Magen so weit es ging mit Käsesoßennudeln voll zu schlagen. Das musste reichen bis Mitternacht. Mit einiger Verspätung marschierten wir 13.30 auf das Festivalgelände, die Taschenkontrollen der Security waren ein Witz gewesen. Meine bessere Hälfte und einige Freunde wollte eigentlich zu Nachtmahr und Grendel, aber die Besucherleitung für die Theaterstage war so beschissen, dass nicht annähernd so viele Leute die Bands sehen konnten, die sie wollten. Das sorgte nicht gerade für gute Stimmung unter den Gästen und dann fing auch noch Zeromancer an, auf der Hauptbühne zu spielen.
Im letzten Jahr habe ich mir die norwegische Band schon einmal auf dem Amphi angeschaut, eher aus nostalgischen Gründen und nun waren sie wieder dabei, was in meinen Augen nicht gerade für den Veranstalter spricht. Ich habe die Setlist zwar nicht mitgeschrieben, aber musikalisch war es so ziemlich das Gleiche, wie im Vorjahr. Kein Wunder, denn die Band hat seit 2003, in Worten: fümpf Jahre!, kein neues Album mehr veröffentlicht. Auch wenn ich den Sound der fünf Jungs nicht schlecht finde, war es erschütternd, dass sie noch genauso klangen, wie als ich 17 war. Aber ich wollte ihnen dennoch eine Chance geben, stellte mich seitlich in die erste Reihe und wollte ein paar Fotos machen. Das ist an den Emo-Frisuren der Band gescheitert, denn offensichtlich soll ihr Gesicht nur von einer Seite erkennbar sein und ich war auf der falschen. Da ich die Lieder alle schon kannte und alle schon einmal Live gehört hatte, machte ich mich nach 10 Minuten auf den Weg, ein paar Getränke im Auto einer Freundin zu deponieren. Nicht nur die Getränkepreise auf dem Gelände waren unverschämt, auch das Angebot an Essen war, ich kann es kaum in Worte fassen, Pfuipfui, sittenwidrig. Die Preise sehr hoch, die Portionen sehr klein und angesichts der Besuchermenge war das Angebot an Essen ein wenig dürftig. Wenn man soviel Hunger hatte, dass man sich tatsächlich etwas kaufen wollte, musste man sich erst einmal stundenlang anstellen. Dass Preise auf den Festivals sehr hoch sind, ist man ja gewöhnt. Aber minikleine Döner für über 4 Euro (!!) anzubieten, wenn man in wenigen Minuten Fussweg sich in der Stadt einen doppelt so großen für die Hälfte des Geldes holen kann, ist nicht nur unglaublich frech, sondern auch ziemlich kontraproduktiv. Aber der Veranstalter will mit dem Festival eben so richtig Kohle machen, kann ich verstehen, Kohle hätt’ ich auch gern. Deswegen sind die Tageskarten auch keine Geldersparnis und lohnen sich, im Gegensatz zur Preisstruktur bei anderen Festivals, überhaupt nicht. Diese Eindrücke machen das Amphi nicht gerade sympathischer, aber zurück zur Musik.
Der nächste Punkt auf meiner Tagesordnung war Welle:Erdball, die ich beinah verpasst hätte, da sie 20 Minuten zu früh anfingen. Auf der Mainstage am Samstag war der Programmablauf insgesamt erheblich verfrüht und stimmte nicht mit dem angekündigten und gedruckten Programm überein, ohne dass das Publikum von den Moderatoren in irgendeiner Art davon in Kenntnis gesetzt wurde. Fauxpas, meine Damen und Herren Veranstalter! Ein Publikum, dass wegen so einer Aktion Lieblingsbands verpasst, kann darauf sehr zickig reagieren. Welle:Erball sorgte aber erst einmal für gute Stimmung. Dieses Jahr war die Band schon auf dem WGT zu sehen, sie tourt im Herbst ausgiebig durch Mitteleuropa und ist somit dieses Jahr konzerttechnisch sehr aktiv. Auf der Amphi-Mainstage war eine aufgespannten Plastik-Leinwand installiert, die die beiden Grazien Plastique und Frl. Venus mit einem Kunstwerk aus der Erde, Mond und Kulturrakete besprühten. Davor stand A.L.F an einem FDJ-Pult, daneben war in Übergröße das Symbol von Welle:Erdball, ein um 90° gedrehtes Zeichen des Trabant, installiert. Die Weiblichkeit trug weißblonde Perücken, die Männlichkeit schwarze Anzüge, alle Vier mit Sonnenbrillen. Allein durch dieses skurrile Setting hatte die Band bei mir schon gewonnen, auch wenn ich dem C64-Geklimper bisher nicht so viel abgewinnen konnte. Die Klassiker „Arbeit Adelt“, „Monoton und Minimal“ und „Starfighter“ wurden gespielt, Honey zog dazu seine „Ich-trag-die-Nase-hoch-und-schüttel-mein-Haar-für-Dich“-Show ab. Schließlich wurde noch eine C64-Tastatur mit dem lapidaren Kommentar: „Letztes mal hat das einem die Nase gebrochen, also gut fangen!“ in das Publikum geschleudert. Der Auftritt war in meinen Augen ein voller Erfolg, Welle-Fans kamen auf ihre Kosten und so einige neue Liebhaber haben sie bestimmt auch gewonnen.
Mit einer Freundin postierte ich mich nach Ende des Konzerts vor der Bühne, denn als nächstes sollte Zeraphine kommen. Als alte Dreadful Shadows-Fans hatten wir den Anfang des Projektes, das Sven Friedrich und Norman Selbig nach der Auflösung der Shadows ins Leben riefen, verfolgt, aber musikalisch und textlich ging es dann doch weiter weg von dem, was uns gefiel. Sie begannen mit einigen Liedern der ersten beiden Platten „Kalte Sonne“ und „Traumaworld“, streiften mit „Blind Camera“ und „Die Macht in Dir“ auch das Album „Blind Camera“ und kündigten schließlich auch an: „Jetzt kommt die neue Single…naja, die von vor zwei Jahren.“ Das letzte Album hieß „Still“ und wurde 2006 veröffentlicht, seitdem ist bei der Band nicht mehr allzuviel passiert, was ich etwas schade finde. Dieses Jahr gibt es neben dem Amphi nur einen weiteren Konzerttermin und weder auf der Bandpage noch beim Fanclub sind die Informationen sehr aktuell. Es war ein typisches Zeraphine-Konzert, mit wenigen Worten und konstant guter Leistung. Sven Friedrich sieht immer noch genauso aus wie vor 10 Jahren und der größte Spaßfaktor der Band ist in meinen Augen der Gitarrist und zweite Sänger Manuel, dessen Mimik beim Singen sehr ausdrucksstark ist. Man könnte auch sagen, seine Augenbrauen singen mit, durchaus ein Erlebnis. Zu „Be my Rain“ kam – wie passend – ein ordentlicher Wind auf und es wurde sehr stimmungsvoll etwas Laub über die Bühne geweht. Ansonsten hatte ich nicht das Gefühl, dass – außer den paar Fans in den vorderen Reihen – die Band das Publikum richtig anheizen konnte oder Leute angezogen hat, die gerade in der Nähe waren. Das war bei dem Auftritt der Dreadful Shadows auf dem Amphi letztes Jahr anders gewesen, aber die beiden Bands sind sowieso nicht vergleichbar, bloß weil sie denselben Sänger haben.
Nach Zeraphine sollte Covenant auf der Mainstage spielen, aber wir brauchten eine kleine Pause und sahen uns auf dem Festivalgelände um. Wir landeten schließlich im Beach Club, der eine echte Bereicherung für das Amphi ist. Auf weißem, weichen Sand, der vermutlich extra von der Ostsee angekarrt wurde, sind zahlreiche strahlend lackierte Strandliegen aufgebaut, auf denen es sich die ermüdeten Festivalbesucher bequem gemacht hatten. Für das leibliche Wohl war ebenfalls gesorgt und es gab auch etwas anderes Essen als auf dem eigentlichen Gelände. Eine sehr entspannsame Angelegenheit, wo wir wieder unsere Kräfte sammelten. Danach sollten Deine Lakaien auf der Mainstage spielen. Als ich dieses Projekt das erste Mal live gesehen hatte, hatte es mich geradezu aus den Stiefeln geblasen, so überwältigt war ich. Erwartungsvoll hatte sich schon eine betrachtliche Menge vor der Bühne versammelt, als Honey von Welle:Erdball die Bühne betrat, um die Lakaien anzukündigen. Er tat es stumm. Hielt nacheinander Schilder hoch mit „Aufmerksamkeit“ – „Applaus – „Mehr Applaus“ und „Noch mehr“, so dass das Publikum schon johlte. Als er schließlich „ATOMKRIEG-MEHR!“ hochhielt, gab es kein halten mehr. Mit zwei weiteren Schildern, die viel Spaß mit Deine Lakaien wünschten, schickte er das Publikum mit einer bombigen Stimmung (wie passend) in die Show. Veljanov trat in einem braunen Anzug auf die Bühne, begleitet von Ernst Horn, einem Gitarristen, einer Violinistin und einem Cellisten mit metallic-blauem E-Cello (Neid.). Professionell ruhig wurde ein Best of der Lakaien abgespult, aber so richtig erreicht haben sie mich mit diesem Konzert irgendwie nicht. Auf der Bühne passierte außer unmotiviertem auf- und abtigern Veljanovs nicht viel und auch der Klangteppich, der aus Instrumenten und seiner Stimme sonst gezaubert wird, wollte nicht so recht entstehen. Seine Stimme klang ungewohnt dünn und ziemlich enttäuscht, wendete ich mich nach ein paar Liedern ab.
Wir wollten rechtzeitig zur Theaterstage, um vor Combichrist noch ein wenig The Klinik mitzunehmen und da wir befürchteten, zum Headliner der Stage nicht rechtzeitig ins Theater zu kommen, machten wir uns lieber ein bisschen zu früh als zu spät auf den Weg.
Im Theater war es dunkel und war und zu The Klinik wurde auch gar nicht erst großartig das Licht angemacht. Das ist so Electro oder EBM, also ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, was der Unterschied ist. Die Musik war gut tanzbar und Fans kamen sicherlich auf ihre Kosten. Doch während des Konzerts wurden mein Beine immer schwerer und mein Gesicht länger, so dass wir schließlich im Räumchen nebenan noch eine kleine Pause einlegten und uns zu den anderen, auf dem Boden sitzenden Gruftis gesellten. Gegen Ende des ersten Festivaltages waren die meisten sehr froh, ihre angestrengten Beine etwas auszuruhen. Kurz bevor Combichrist zu spielen anfing, raffte man sich ein letztes mal auf, um noch einen einigermaßen guten Platz zu erwischen. Es war schon ziemlich voll, als die ersten Takte von „Shut up and Swallow!“ (jaja, der Name ist Programm) begannen und das Publikum anfing zu tanzen. Aggressive, knallige Beats und Bässe dröhnten aus den Boxen und heizten die Stimmung auf. Combichrist war mit Drummer unterwegs, also einem aus Fleisch und Blut und ohne Starkstromanschluß, der sich unglaublich verausgabte. Der Sänger Andy LaPlegua tobte über die Bühne wie ein Berserker und schrie uns irgendwas ins Gesicht, egal was, das Publikum hatte er schon in andere Sphären geschossen. Die Loveparade, die am selben Tag in Dortmund reanimiert worden war, war dagegen ein Kindergeburtstag. Die Temperatur stieg auf grob geschätzt 60° in der Halle bei den Tropfen, die ich abbekam, konnte ich nicht sagen, ob es von durch die Gegend geschleuderten Wasserflaschen stammte oder ob es schlicht Kondeswasser war, das von der Decke auf uns niederrieselte. Einige Lieder vor Ende des Konzerts, wurde mir die Angelegenheit zu anstrengend, so dass ich mir einen Weg nach draußen freikämpfte, wo Oomph! glücklicherweise schon aufgehört hatten zu spielen.
Nach kurzem Ausruhen und langem Verabschieden von Freunden machten wir uns schließlich todmüde, aber zufrieden, auf den Heimweg, in der Hoffnung, bis zum nächsten Tag regeneriert zu sein. Interessanterweise hatten die Bands, die mit ihren Instrumenten live spielen eine schwächere Show abgeliefert als diese, die nur die CD einlegen müssen. Ich war gespannt, ob es am folgenden Tag genauso sein würde.

Mmm … die Komerzialisierung greift ja auf sämtlichen Events um sich – und das LineUp klang ja gar nich so verkehrt… in meinen Augen. Hat es sich denn nun gelohnt? Du malst ja ein recht negatives Bild – war es das alles wert? Oder warst du am Ende nur zufrieden, weil du nach Hause gekommen bist?
Welle:Erdball – vor allem die Ankündigung der Lakaien – hätte ich nach deiner Beschreibung gerne gesehen
Feine Idee!
Trackback by Ganayan 28. Juli 2008 08:03