Sie machen ja…!
Heute in der Bahn kam eine ältere Dame mit diesen Worten auf mich zugestürzt. Sie rief laut: “Sie machen ja Occhi-Arbeit!!!”. Beide schauten wir absolut entgeistert. Sie, weil sie keinen mehr kennt, der das noch kann. Ich, weil sie in zwei Jahren die erste Person ist, die diese alte Technik nicht nur erkennt, sondern auch noch ihren Namen weiß. Die Frau überschlug sich fast und erzählte mir, wie selten das wär und dass das niemand mehr beherrscht und dass sie eine uralte Frau kannte, leider längst verstorben, die Occhi beherrschte und dass sie selbst es nie gelernt hat und, und und. Dann ließ sie vor aller Aufregung alle Höflichkeit fahren und rief durch die halbe Bahn ihrem Mann zu “DIE MACHT OCCHI-ARBEIT!!!”.
Noch immer nicht beruhigt, fragte sie mich, was ich machen würde. Ich holte mein altes Buch von Emmy Liebert (“Schiffchenarbeiten II”) von 1920 heraus und zeigte es ihr.
Sie riss es mir aus den Händen, staunte und lobte mich. Dann wollte sie wissen, ob ich eine Ausbildung mache, aber ich verneinte. Das wäre allerdings schon naheliegend gewesen, denn es fällt nicht vielen ein, eine fast vergessene Handarbeit zu erlernen, die ihre Hochzeit zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte. Auch wenn die Ursrpünge der Schiffchenarbeit (den deutschen Ausdruck liebe ich, das italienische Occhi find ich blöd, Italienisch ist generell blöd – Französisch für (ganz, ganz) Arme) wahrscheinlich im Mittelalter liegen, hat sich diese Knüpftechnik über mehrere Jahrhunderte entwickelt, bis sie im 18. und 19. Jahrhundert zur vollen Blüte kam. Damals wurde neben den typischen Ringen noch der Bogen entdeckt, so dass kunstvolle Muster entwickelt wurden, die die drei Hauptelemente der Schiffchenarbeit verbanden: Ringe, Bogen und Picots.
Angeblich ist diese Handarbeit durch die beiden Weltkriege in Vergessenheit geraten, da die Frauen dazu angehalten wurden, ihre Zeit nicht mit “sinnlosen” Handarbeiten zu vergeuden. Denn die Schiffchenarbeit wird in erster Linie als bloßer Schmuck, als Luxus angefertigt, was sich im französischen Namen “Frivolité” widerspiegelt. Wenn sich die Frauen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon den Handarbeiten widmeten, so sollten sie doch bitteschön Pullover für die armen Soldaten stricken. Ich finde diese Erklärung für das Vergessen der Schiffchenarbeit etwas zu einfach, denn andere Spitzenherstellungstechniken wie das Häkeln oder Klöppeln sind auch nicht in Vergessenheit geraten.
Die Dame wurde von ihrem Mann von mir weggezogen, weil beide aussteigen mussten. Im Gehen fragte sie: “was machen Sie mit dem Beutelchen? Das behalten sie doch?! Das verschenken Sie doch hoffentlich nicht?! Das…das ist etwas Königliches!”
Ich lächelte. Etwas Königliches…ja, das finde ich auch.
