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Der Ökologen Arbeit oder: motiviert statt reich

Blogged in Allgemein by Gahi Sonntag Mai 10, 2009

In diesem Frühjahr führe ich eine Studie zur Brutbiologie des Baumpiepers in der Wahner Heide durch. Ich hab drei motivierte Praktikantinnen und einen motivierten Professor, der ihnen Scheine für die Arbeit bei mir ausstellen wird. Das ist ein guter Deal, denn die Mädels erledigen ein Teil meiner Arbeit, müssen auf mich hören und bekommen dafür 1/7 ihres Hauptstudiums – quasi geschenkt.

Für die Untersuchungen im Feld braucht man allerhand Ausrüstung, denn es reicht nicht, den Baumpieper regelmäßig anzuschauen, sondern ich will auch wissen, wo seine Nester sind, wie die Struktur des Habitats aussieht und wie das alles miteinander zusammenhängt. Die Methoden dafür werden von Ökologen in Methodenhandbücher geschrieben, was meist einigermaßen putzig ist, weil hoch idealisiert. Man liest in diesen Büchern von 30m langen Spannschnüren und findet Abbildungen von 16m hohen Meßlatten, die neben Bäumen stehen. Wer ein paar mal in einem Wald oder Heidegebiet spazieren war, kann sich etwa vorstellen, dass die Schnur nicht zu spannen ist, weil im Zickzack-Kurs Bäume vor einem auftauchen. Und wie man eine 16m Latte, die stabil genug ist, dass sie gerade stehen bleibt, transportiert und (!) in einem Wald (!) aufstellt, hat sich mir noch nicht erschlossen.

Das übliche und bewährte Freilandequipment besteht aus einem GPS, einem Kompass, ein paar Zollstöcken und Bleistiften, damit der Regen einem nicht das Schreiben der Messwerte versaut. Damit kann man schon die ersten tollen Dinge machen: Höhe & Heterogenität der Krautschicht messen, die Himmelsrichtung des Nesteingangs und dessen genaue Koordinaten aufnehmen.

Das Nest des Vögelchens muss allerdings erst einmal gefunden werden – laut Lehrbuch auf dem Boden, unter etwa kniehoher Vegetation, in Nähe eines Baumes. Diese lakonisch detaillierte Beschreibung lässt einen freilich im Gelände wie der Ochs vorm Berg stehen, denn all die hunderten Bäume, Grasbüschel – und vor allem der viele Boden – sehen irgendwie alle gleich aus. Da das Problem nicht nur ich habe, haben ein paar schlaue Ornithologen in den 50er und 60er Jahren eine Methode entwickelt, die “rope-dragging” heißt und denkbar einfach ist: Ein ca. 20m langes Seil wird von zwei Leuten über den Boden gezogen. Das brütende Vögelchen fliegt durch die Störung auf und an der Stelle kann man – mit einer gewissen Aussicht auf Erfolg – nach dem Nest suchen.

Das wollte ich gern nachmachen und musste mir erst einmal ein langes, leichtes, trotzdem stabiles und wetterfestes Seil besorgen. Zuerst kam mir der Gedanke, beim Globetrotter ein Kletterseil zu besorgen. Allerdings gehen zu Globetrotter eigentlich nur diese Goretex-Yuppies, die mit ihrer ‘Active-Wear’ für den ‘Outdoor-Bereich’ auf dem Weg zum Büro in der Straßenbahn sitzen und auf den gewaltigen Wetterumschwung warten, der ihre Kleidung rechtfertigen könnte. Was diese Leute nicht wissen, da sie nie wirklich rausgehen, ist: in der Straßenbahn regnet es selten, sozusagen nie. Aber für ein bißchen gefühltes Abenteuer bezahlen diese Leute so gut wie alles und so war das zweite Argument gegen den Globetrotter entscheidend: es ist einfach unverhältnismäßig teuer dort, alles.

Also ging ich kurzentschlossen ein paar Wäscheleinen kaufen, 30m und 1.50 das Stück und dabei vor allem: wetterfest, reißfest, leicht. Jeweils zwei verknüpfte ich zu einem stärkeren Seil und verschmolz die Enden mit einer Heißluftpistole.

So entstanden bisher zwei ca 8m lange Seile, die ich mit einem Karabiner in der Mitte verbinde, damit man das Seil öffnen kann, wenn einem mal ein Baum begegnet. In 2m-Abständen zog ich Schlüsselringe ein, an denen in regelmäßigen Abstanden bunte Bänder, Plastikflaschen und (leere) Blumentöpfe befestigt werden – als zusätzlicher

Aufschreckmechanismus sozusagen. Die Bänder werden in einem bestimmten Farbmuster befestigt – 2m-Schritte abwechselnd rot und blau, außerdem in 5m-Schritten

Absperrband. So kann man im Feld besser abschätzen, in welcher Entfernung der Vogel aufgeflogen ist. Die Schlüsselringe sind für das vereinfachte An- und Abknoten der Bänder. Schließlich muss das ganze mit dem Fahrrad und zwei Seitentaschen ins NSG gebracht werden.

Die nächste grandiose Methode ist für das Abschätzen der Kronendeckung im Wald. Meinen Praktikantinnen war bloßes Schätzen “viel zu ungenau”, also hab ich ihnen noch eine Ergänzungsmethode rausgesucht (die werden dann schon noch merken, dass nichts im Freiland wie im Lehrbuch funktioniert). Man nimmt ein Peilrohr, geht eine Linie durch den Wald oder nimmt Zufallspunkte, an denen man durch das Rohr in das Laubdach peilt und notiert, ob man Laub sieht (+) oder nicht (-). Daraus kann man die Dichte des Laubdaches berechnen. Da es ein Peilrohr nicht mal bei Globetrotter zu kaufen gibt, habe ich unsere Küchenrolle abgewickelt und das Papprohr an der Basis zweckentfremdet. Nachdem ich es mit ein paar Schichten Acrylfarbe verstärkt habe, habe ich es mit durchsichtiger Folie komplett beklebt (innen wie außen). Es sollte somit nicht ganz empfindlich gegen Regen sein.

Am Dienstag soll gutes Wetter werden und meine Mädels haben Zeit, so dass alle Ampeln auf Grün stehen und wir meine tolle, neue Ausrüstung ausprobieren können.

Kommentare

  1. Hui, das klingt so aufregend und toll! Auch wenn ich das jetzt total romantisiere und mir vorstelle wie toll es wäre, mit Euch durch die Natur zu streifen und Beobachtungen zu notieren, und es in der Realität sicher unchristlich früh ist und in Strömen regnet.

    Ich bewundere, wie du dein Vögelchenaufschreckequipment schon vorher so optimiert hast – ich glaube, manch einer, der sich ein Seil mitnimmt, braucht erst ein paar Testläufe um zu merken, dass ein Karabiner in der Mitte praktisch ist, wenn da überall Bäume stehen – und dass ein paar visuelle Entfernungsabschätzhilfen toll sind ;)

    Ihr fangt doch auch Bilder von den Vögelchen, oder? Ich fand die beiden, die du mir gezeigt hast, wundervoll! Kannst du die auch noch verlinken?

    Trackback by Ganayan 11. Mai 2009 10:01

  2. Ja, die vorbereitenden Gedanken sind alles Erfahrungswerte, an die nicht jeder denken würde.
    Wie unromantisch Freilandarbeit sein kann – das wäre noch mal einen eigenen Artikel wert…(gute Idee eigentlich). Aber wenn Du mal mitkommen möchtest, können wir das gern machen :)

    Trackback by gahi 11. Mai 2009 10:21

  3. *strahlt* Aber nur, wenn ich Euch nicht zur Last falle, ja? Das möchte ich auf keinen Fall!

    Trackback by Ganayan 13. Mai 2009 09:03

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