Aachen, Alter!
Ich war lange nicht in Aachen. Als meine Studienfreundin Anna kürzlich nach einem Jahr irischen Exils in die traute Heimat zurückzog und sich (ausgerechnet!) in Aachen niederließ, bot sich eine günstige Gelegenheit, diese Stadt mal wieder zu begutachten. Man hört ja so einiges, z.B. dass in Aachen, Alter, der Tod zuhaus sei.
Das wollt ich natürlich genauer wissen und machte mich letzten Freitag nachmittags auf den Weg. Es ging eigentlich schon am Bahnhof los: Ich war etwas früher da, einem Tip folgend, die Züge nach Aachen hätten oft soviel Verspätung, dass man den vorherigen noch bekommt. Tatsächlich stand am Gleis eine viel frühere Abfahrtszeit als im Fahrplan, was aber nicht heißt, dass der Zug auch früher ankam. Es ist mit dem Nach-Aachen-Fahren also ein bißchen wie bei Harry Potter und dem Gleis Neundreiviertel. Man braucht ein bißchen Überzeugung und viel guten Willen, um anzukommen.
In den Waggon gestiegen wusste ich erst einmal nicht, wo ich mich hinsetzen sollte. Die linke Zugseite war komplett von einer flüssigen Siffe auf dem Fussboden überzogen und diese Siffe sah eigentlich nicht so vertrauenserweckend aus, als würd ich darin gern meine Füße abstellen. Also setzte ich mich eben auf die rechte Waggonseite, einem jungen Typen gegenüber, der bemüht konzentriert auf seinen MP3-Player achtete und mich immer heimlich anstarrte. War wohl ein Maschinenbauer aus Aachen. Die kriegen bekanntlich nicht allzu viele Frauen zu Gesicht. Über diesen Gedanken nachsinnend war ich direkt eingeschlafen, denn die Landschaft zwischen Köln und Aachen ist denkbar belanglos.
In Aachen ausgestiegen war ich verblüfft, dass ich nichts (aber auch gar nichts!) wiedererkannte. Nicht mal den Bahnhof, oder den Bahnhofsvorplatz. Nicht mal an den Bahnhof innen und auch nicht an das Pferdedenkmal vor dem Bahnhof. Es ist zwar nur 8 Jahre her, seit ich dort war und normalerweise kann ich mich an die Bahnhöfe der kleinsten Klitsche erinnern, aber bei Aachen ist mein Gedächtnis wie ausgelöscht. Nichts desto trotz fand ich die Busstation und sah auf der elektronischen Anzeige auch den Bus angeschlagen, den Anna mir aufgeschrieben hatte. Sie wohnt gar nicht weit vom Bahnhof, nur ein paar Haltestellen. Der Bus fuhr sogar in Richtung Ponttor, wie sie mir aufgetragen hatte, also stieg ich ein. Mir gegenüber saßen zwei Amerikanerinnen, die sich lautstark nuschelnd (sie nuschelten Englisch!) über die Busfahrkarten lustig machten und sich dann sogar damit gegenseitig fotografierten. Mir taten sie etwas leid, denn sie scheinen aus einer ziemlichen Provinz zu kommen, wenn sie noch nie Busfahrkahrten gesehen haben. Der Bus fuhr und fuhr, doch die Haltestelle Lochnerstraße kam irgendwie nicht. Nach 20 Minuten rief ich Anna an, da war schon die Haltestelle Ponttor angeschlagen. Wir versuchten kurz zu rekonstruieren, was passiert war. Ich erinnerte mich, dass es keinen Haltestellenfahrplan am Bahnhof gab – also dass nicht angeschlagen stand, wann welche Linie an welcher Haltestelle hält. Es war nur die Uhrzeit bis zur nächsten Linie 13 dagewesen, ein Ministadtplan mit Minibuslinien, aber ohne Haltestellen und eine überaus chaotische Aufschlüsselung, welche Linie man nehmen will, wenn man zur Uni oder zum Planetarium oder weiß der Geier wollte. Nichts über die Lochnerstraße.
Anna meinte, ich solle doch mal den Busfahrer fragen. Das hielt ich für eine gute Idee und legte auf. Der Busfahrer brummte mir ein unmotiviertes, kehliges “Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa……” entgegen und ich war so schlau wie vorher. Ich beschloß abzuwarten und setzte mich. Nachdem das Ziel Ponttor angefahren worden war, erschienen wie durch Zauberhand neue Haltestellennamen auf der Anzeige und nach ein paar weiteren Minuten hielt der Bus an der Lochnerstraße. Endlich! Es wurde dann auch klar, was passiert war: Die Linie 13 fährt eine Runde, auf deren Mitte das Ponttor liegt. Deswegen haben die Busse, egal in welche Richtung sie fahren, als Ziel Ponttor angeschlagen. Na logisch!!! Das heißt, dass man als Ortsfremder keine Chance hat, die richtige Haltestelle in der kürzest möglichen Zeit zu erreichen, denn eine Haltestellenaufschlüsselung gibt es nicht und an der Endhaltestelle kann man die Fahrtrichtung der Busse auch nicht erkennen. Entweder ist das den Aachenern noch nicht aufgefallen, weil sich eh so gut wie nie Touristen dahin verirren. Oder aber – und das ist wahrscheinlicher – man versucht mit allen Mitteln diejenigen, die Aachen wirklich mal besuchen, so lange wie möglich in der Stadt festzuhalten.
Bei Anna angekommen konnte ich natürlich erst einmal durchatmen. Wir genehmigten uns Tomate-Mozarella mit soviel Balsamico, dass mir davon der Magen flau wurde und Anna begeistert ihr Brot in den Essig stippte, um auch den letzten Tropfen nicht verkommen zu lassen. Es hätte nur gefehlt, dass sie den Rest vom Teller abtrinkt und danach noch ableckt – der gute Balsamico! Die einen versuchen mit Essig den Kalk vom Mobiliar zu bekommen, die anderen vom körpereigenen Interieur. Ist ja quasi dasselbe.
Dann widmeten wir uns dem Ziel des Abends: Zwiebelkuchen mit Federweißer. Eine zunächst jammertraurige, dann ungeduldige und dann windige Angelegenheit. Während des Schneidens haben wir ordentlich geweint und während des Backens im Ofen gelitten, denn es roch schon so gut! Federweißer und Zwiebelkuchen sorgten dann für die Winde. Das führ ich nicht weiter aus, das kennt ihr sicher. Mit einer Kollegin von Anna genossen wir den Abend, weihten sie in die Geheimnisse von “Aachen, Alter!” und schließlich “Campus, Alter!” ein.
Schließlich machte ich mich auf den Heimweg und ließ Aachen hinter mir. Im Zug nach Köln waren Freitag Nachmittag allerhand alkoholisierte Asoziale unterwegs, die stundenlang das Klo blockierten. Woraufhin weitere Typen ankamen und die Tür mehrmals klinkten, egal wie verschlossen die war. Wenn das Klo mal frei wurde, dann landete dort direkt der nächste – und schlief für eine halbe Stunde ein…oder machte wasauchimmer.
In Köln dann unterhielt eine Horde Fussballfans den ganzen Bahnhof. Besoffene, stinkende, hässliche Kerle, die eine Schwabbelbauch haben und rumgrölen als wären sie die Schlauesten auf der Welt (SINDSE aba nich!). Ich fragte mich mal wieder, welche Daseinsberechtigung diese Kapitalismus-Opfer haben, aber man kann nun mal seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr jeden an die Wand stellen, den man für entartet hält.
Die grölten die ganze Zeit: “Köllllöööööööööö, Köllllööööööö, die Scheißßßßßßßääää vom Rhein!”. Sowas! Wie können die es wagen. Ich hätt’s Ihnen am liebsten entgegen gebrüllt: “Jetzt hört mal gut zu, ihr Scheiß-Neidhammel! WIR HABEN DEN DOM! Und bloß weil UNSERER der GRÖßERE ist, müsst ihr hier nicht so’n Radau machen!”.
Ich tat es nicht, sondern stieg in meinen Zug in Richtung Köln Süd. Die Fussballtypen (natürlich!) auch und ich hatte jede Gelegenheit diese stinkenden Schwabbelbäuche, die dezent mit einem roten Fussbalschal geschmückt waren, an mir vorbei wanken zu sehen. ALS ich dann endlich aussteigen konnte, versperrten mir noch so ein paar Heinis den Weg und ließen mich nicht aus dem Zug aussteigen. Mir platzte der Kragen, ich verpasste dem Nächstbesten eine und kämpfte mich an die frische Luft. Ich war immernoch total aggro, als ich zuhause ankam. Hat mir zum Glück keiner übel genommen…

Oh Gahlein – du bist zurück! Mit all deinen Worten! Ich freu mich so!
Und ich freu mich auch, mal ein ganz anderes Bild von Aachen zu erleben als wundervolle Menschen, Kamikaze-BMW-Fahrer, Ritter und Hiphopper
Ich finde, Zwiebelkuchen mit dir zu essen ist ein Privileg und glaube, das der Wind dadurch entstand, dass das köstliche Essen mit dem schrecklichen Balsamico-Frauenfraß reagierte, jawohl! Denn sowas leckeres wie Zwiebelkuchenfederweißer macht sowas nich!
Solche Fußballfans (Für alle Unwissenden: Fußball ist ein Mädchensport! Also – für solche Mädchen, die fürs Hallenhalma zu schwach sind!) haben wir hier auch. Gaaanz grauenhaft – und das zieht Kreise! Die machen tatsächlich Züge bis nach Hagen unbesteigbar! Also – wenn einem die Geruchsnerven lieb sind.
Trackback by Ganayan 5. Oktober 2009 21:31