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Ah, schaut mich an!

Blogged in Allgemein,Kind&Kegel by Gahi Freitag August 27, 2010

Ich bin zwar nicht der Mann, der alles kann – aber schwanger. Und das ist in einer Gesellschaft mit sinkenden Geburtenraten und Erstgebärenden ab 35 schon mal ein Grund zu starren. Seit sich meine Kugel abgezeichnet hat, wurde ich angestarrt. Meistens unverhohlen, vor allem im Schwimmbad. Am häufigsten sind immer die Typen geschockt, die ich gerade noch beim Schwimmen abgehängt hab. Das ist für viele Männer jüngeren und mittleren Alters ein direkter Angriff auf den Stolz, vor allem wenn es von einer Frau kommt. Wenn es von einer hochschwangeren Frau kommt, ist das Ganze noch kritischer.

Ich empfinde das als durchaus unhöflich, wenn Leute, wie heute morgen, NUR auf meine Kugel starren, sekundenlang, minutenlang, nicht bemerkend, dass ich sie die ganze Zeit beobachte. Bis sich irgendwann unsere Blicke treffen: in ihrem steht eine Fassungslosigkeit, die sie so schnell nicht verbergen können (ich hab sie ja schon eine Weile im Blick gehabt) und in meinem steht Provokation. Ich hätte vieles für möglich gehalten. Aber nicht, dass man mit einer Schwangerschaft provozieren kann.

Die Reaktionen auf eine Schwangerschaft können sehr unterschiedlich sein. Ich bin froh, dass es sich in der Familie mit Freude gezeigt hat und im Freundeskreis mit (positiver) Überraschung. Ärzte halten einen in Westdeutschland mit 26 eigentlich noch für zu jung für eine Mutterschaft. Das geht ungefähr bis man 32 ist und schwingt mit dem 32. Geburtstag schlagartig um auf “Na, so langsam wirds Zeit…ewig geht’s ja nicht mehr”. Tatsächlich bin ich bei allen möglichen Schwangerschaftsaktivitäten wie Geburtsvorbereitungskursen, Schwangerenyoga, Akupunktur etc mit Abstand die Jüngste. Die meisten anderen Frauen sind gut gebildet und mindestens 5-10 Jahre älter als ich.

Vielleicht werd ich auch deswegen so oft angestarrt. Eine Schwangere, die nicht aufgegangen ist wie ein Hefekloß, auch noch jung. Und noch dazu ohne Migrationshintergrund. Sensation! Die schönste Reaktion war ein junges Mädchen in der Bahn, die mir gegenüber saß. Sie schaute mich an, fing an zu kichern, konnte nicht wegsehen, und lachte schließlich. Als ich fragte, was denn los sei, gestand sie, dass sie meinen Bauch “so süß” finden würde. Auch die Reaktion eines Freundes, der eigentlich Bescheid wußte, das ganze aber “irgendwie vergessen” hatte, hat mich amüsiert. Er fragte, was man bei einer Frau eigentlich niemals und unter keinen Umständen fragen sollte: “Bist Du irgendwie dicker geworden??” Da war ich im 5. Monat und hatte schon was vorzuweisen. Die unschönste Reaktion kam aus dem akademischen Bereich. Auf betretenes Schweigen folgte ein Senken des Blickes und ein ins nächste Buch gemurmelte: “Schön…”.

In gewissen Kreisen ist es eben einfach nicht üblich und noch weniger schick, in einem bestimmten Alter ein Kind zu bekommen. Die Karriere, die in der deutschen, akademischen Landschaft ja wirklich unheimlich vielversprechend ist, könnte ja einen Knick abbekommen. Entsprechend sind auch die immer wieder auftauchenden, stereotypen Fragen nach dem neuesten Wehwehchen-Klatsch: “Uuuuund, wie geht’s Dir???”. Was soll ich darauf antworten? Keiner kann nachvollziehen, wie es ist, zu liegen, jeden Monat mind. einmal wegen irgendwelchem Quatsch für eine Woche krank geschrieben zu sein oder unter ärztlicher Kontrolle zu stehen wie Heroinsüchtiger auf Entzug. Keiner weiß, wie niederschmetternd wochenlange Übelkeit ist, wie Ischiasschmerzen, Wachstumsschmerzen, Vorwehen, Rippendruck, Schlaflosigkeit oder wochenlanges Sodbrennen sind. Keiner denkt an die Einschränkungen in der Ernährung. Ich mein jetzt nicht das bißchen Kaffee oder Alkohol, sondern auf so stinknormale Sachen wie Schinken oder Räucherlachs zu verzichten – für 9 lange Monate. Schwangerschaften sind so unüblich, dass keiner von den kleinen Ätzigkeiten was ahnt, die einem den Alltag so versüßen. In ihren Gesichtern lese ich, dass eine Schwangerschaft der absolute Spaß sein muß. Also sag ich: “Mir? Och, mir geht’s blendend!” …damit gleich die nächste Standardfrage kommen kann: “Was wiiiiirds deeeenn?” Und obwohl mir die Antwort “Mir egal, Hauptsache blond und blauäugig” auf der Zunge liegt, antworte ich süßlich “Eine Kinderüberraschung…” nur um mir dann die Standardparolen über Neugier und Nicht-aushalten-können anzuhören.

Aber das ist nur Stufe1.Was man von Freunden und Bekannten zu hören bekommt. Viel schöner ist, was man von Fremden hört. Das reicht von allgemeinen Einschätzungen darüber, wie lang “es” noch dauert über unaufgeforderte Beurteilungen der Bauchgröße (zu groß oder viiieeel zu klein) bis hin zu Kommentaren zum Wetter. “Jetzt müssen Sie auch noch durch die Hitze durch!” hab ich erst kürzlich gehört. Als es nach 3 Wochen Dauerregen endlich mal einen etwas sonnigeren, wärmeren Tag gab. Das hak ich noch als etwas nervig, aber harmlos ab.

Stufe3 sind die Horrorgeschichten, die man ungefragt auf die Nase gebunden bekommt. Wahlweise über behinderte Kinder, gestorbene Kinder oder Geburtstraumata (“52 Stunden Wehen, wirklich!”). Von Zwillingen, die im 6. Monat gestorben sind bis zum plötzlichen Kindstot in der 36. Woche. Auf einmal ist die Welt voll von behinderten und toten Babies, überall, wohin man auch blickt! Da ist alles dabei und nichts davon will ich wissen. Aber wenigstens weiß ich jetzt, dass ich die Sache mit dem rohen Schinken und Räucherlachs wirklich ernst nehmen sollte. Denn die beste Freundin der Schwester einer Arbeitskollegin hatte während der Schwangerschaft eine Toxoplasmose-Infektion. Das Kind kam tot zur Welt, am ganzen Körper behaart und mit einem Rattenschwanz, ehrlich!!!

Aber am meisten hasse ich Stufe4. Ungefragte Kommentare dazu, was ich tun werde, wenn das Kind da ist. Vorzugsweise von Kinderlosen. Oder auch Leuten, die vor ein paar Monaten ein Kind bekommen haben und jetzt meinen alles, einfach alles über Kinder jeden Alters zu wissen. Mir muß keiner sagen, dass ich in den ersten Monaten fertig sein werde und kaum schlafe. Das ist, mal so nebenbei, auch jetzt schon so. Mir muß keiner sagen, dass Kinder manche Sachen nicht gern essen und dass da jedes Kind einfach anders ist. Mir muß keiner sagen, dass Stillen eine Rund-um-die-Uhr-Beschäftigung ist, mit vollem Programm – Stilleinlagen und auslaufende Titties inklusive. Das ist, mal so nebenbei, auch jetzt schon so. Mir muß keiner sagen, dass ein Kind Verantwortung und physische wie psychische Einschränkung bedeutet, in der ersten Zeit vor allem durch die Mutter. Das ist, mal nebenbei, auch jetzt schon so. Mir muß auch keiner sagen, dass ich in ein paar Wochen nur noch mit Windeln und Feuchttüchern bewaffnet größere Ausflüge machen kann. Man, ich bin doch nicht beknackt, ey! Im Gegenteil: Ich bin seit 5 Jahren Stiefmutti eines mittlerweile fast 8jährigen Mädchens, das erziehungstechnisch nicht gerade zur anspruchslosen Sorte gehört. Ich weiß ziemlich genau, worauf ich mich einlasse! Und ich brauch ganz bestimmt keine schlauen Ratschläge von Leuten, die keine Kinder haben, oder seit einem Jahr gecheckt haben, dass Eltern sein auch mal anstrengend ist.

Da lob ich mir doch die Leute, die einfach nur fassungslos (und stumm) starren. Heute hat sogar eine Chinesin ein Touri-Foto mit meinem Bauch gemacht. So ala “Schau mal, Europäer werden auch schwanger!”. In dem Moment war ich stumm. Und fassungslos…

tourifoto

Kommentare

  1. Einfach ein großartiger Text und absolut genial!! Du sprichst auch mir aus der Seele, dafür möchte ich Dich mal umarmen!
    Ein Text, den ich am Liebsten kopieren und allen in die Hand drücken würde, die genau diese doofen Fragen und Festellungen von sich geben, die Du so herrlich ehrlich beschrieben hast!
    Danke dafür!!

    Trackback by Denise 30. August 2010 13:13

  2. Hi Süße!
    Danke für Deinen Kommentar! :-* Du wirst bei Deiner Statur und Deinem Bauchumfang sicher noch viel krasser angestarrt…
    Und die blöden Kommentare kriegt wahrscheinlich jede Schwangere zu hören – leider!

    Trackback by Gahi 30. August 2010 13:21

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