Geschenke-Such-Fluch
Es gibt Tage, an denen man eine eigentlich triviale Besorgung in der Stadt machen will, aber wie mit einem Fluch belegt einfach nicht das Passende findet. Wenn man zum Beispiel eine weiße Bluse sucht, die Trendfarbe des Sommers aber safrangelb oder die des Herbstes beere ist, dann ist nichts zu machen. Oder wenn man im Frühjahr, schwanger, nach einer Jacke Ausschau hält, weil die Tage und Nächte noch grimmig kalt sind – und nass obendrein. Es gibt aber in den zwei erschwinglichen Umstandsmodemöglichkeiten in Köln gerade keine Jacken, weil im Frühjahr ja die Sommermode verkauft wird – und wer braucht im Sommer schon eine Jacke? Das ist wie früher in der DDR, als man 3 Monate nach Bananen anstand, um dann Schuhcreme zu bekommen, aber nur braune, denn die schwarze wurde an den Westen verschachert.
So einen Tag hatte ich heute.
Ich wollte Weihnachtsgeschenke einkaufen. Mittlerweile hat sich eingeschliffen, dass ich Weihnachtsgeschenke bei einem großen Online-Anbieter bestelle, der den Namen eines der größten Flüsse der Erde trägt. Die Geschenke lasse ich direkt zu meinen Eltern ins schöne Erzgebirge schicken, denn dort steht der Weihnachtsbaum. Dann brauchen wir mit dem üblichen Gepäck nicht noch die Geschenke schleppen, die eh nicht für uns sind und alles ist gut. Da man aber nicht will, dass die Innenstädte weiter verarmen, war ich hochmotiviert, noch einige Geschenke in ebendieser zu besorgen. So steckte ich meine Tochter in ihren roten Overall und diesen wiederum ins Tragetuch und machte mich frohgemut auf den Weg. Ich brauchte: eine bestimmte Tasse für meine Stieftochter vom Weihnachtsmarkt, eine Schmuckdose für sie, einen Bademantel für meinen Gatten, einen Film für meine Schwester und einen Zauberstab mit Flitter für meine Nichte.
Meine Nichte ist vier und hat gerade diese Prinzessinnen-Phase. Als Alternative zum Zauberstab hätte ich ihr auch ein Prinzessinnenkleid aus Gold nähen können, aber ich hielt den Zauberstab für die Zeit schonendere Variante, da den Mädchen ja an jeder Ecke eingetrichtert wird, sie müßten eine Prinzessin, oder besser noch eine Lillifee sein. Inklusive Krone und – tadaa – Zauberstab. Ich schätzte die Geschenke-Besorgung also als leicht zu lösende Aufgabe ein – ein durch und durch naiver Gedanke.
Ich startete auf dem Weihnachtsmarkt und bekam auch gleich die gewünschte Tasse. Ein guter Start also, den ich mir mit ein paar Poffertjes versüßen wollte. Da ich mich zu Geschäftsbeginn auf den Weg gemacht hatte, mußte ich eine Weile auf meine Poffertjes warten, während die Verkäuferin meine Tochter anschäkerte. Ich fand im Nachhinein, dass diese paar Mini-Teig-Dingerchen nie im Leben 3 Euro wert wären, auch wenn sie lecker waren. Abzocke vom feinsten. Ich zog weiter zum Karstadt, wo ich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte: Im Dachgeschoß den Film besorgen, dann einen Bademantel und mit etwas Glück noch einen Zauberstab bei den Spielwaren. Ich betrat die wohlige Wärme des Kaufhauses und mein staunendes Baby wurde mit mehreren herzerweichten Lächeln bedacht. Bei den DVDs angekommen durchsuchte ich die Neuheiten, fand den gewünschten Film “Lourdes” aber beim besten Willen nicht. Dafür aber “Flackernden Feuerschein” in mehreren Varianten, hundertfacher Ausführung, in HD und mit Super-Sound (das ist kein Scherz!). Kleiner Rückschlag, aber was solls: auf zu den Bademänteln. Nie hätte ich gedacht, dass es eine Herausforderung sein kann, einen Bademantel zu besorgen. Aber wenn man nicht gewillt ist 99,00 (billigster)- 179,00 (teuerster) Euro auszugeben, ist es eine schiere Unmöglichkeit. Unglaublich! Wer bitte gibt 200 Euro für einen Bademantel aus??? Das ist auch bloß ein verdammtes Handtuch mit Ärmeln!
Letzte Hoffnung: Spielwarenabteilung. Nachdem ich zuerst suchte, fragte ich: Entschuldigen Sie, haben Sie Zauberstäbe? Am besten so mit Flitter, der rieselt? Die unmotivierte Angesprochene führte mich zu den einzigen Zauberstäben: von Barbie, mit Sternchen und kurzem Gedudel und Geblinker wenn man einen kleinen Knopf drückt. Sie murmelte, andere gäbe es erst wieder zu Karnevall. Blöde Sache: meine Schwester hatte ausdrücklich einen Zauberstab ohne Batterie verlangt und ich wußte genau, dass wenn ich ihr Barbie ins Haus schleppte, sie sich bei der nächsten Gelegenheit mit einem furchtbaren Krach-Spielzeug rächen würde, so einens, das Kinder lieben und den Eltern einen Nervenzusammenbruch beschert. Also verließ ich dieses große Kaufhaus unverrichteter Dinge und tauchte wieder ein in die frostige Kölner Weihnachts-Glitzerwelt.
Ich wollte mich zum einzigen Spielwarenladen der Innenstadt aufmachen und streifte dabei noch Ortloff – diesen besseren Schreibwarenladen – in der Hoffnung ein Schmuckkästchen zu finden. Aber es gab nur Weihnachts-Kitsch. Im Spielwarenladen sah ich dann einen Lillifee-Zauberstab, der aber ohne Flitter war. Ich fragte nach Zauberstäben mit Flitter, doch die gab es leider nicht mehr. Auf die Frage, ob die noch einmal geliefert würden, erhielt ich die Antwort: Ja, sicher – zu Karneval gibt’s die wieder. Na toll. Im Untergeschoß wurden noch Harry-Potter-Zauberstäbe angeboten, doch ich war nicht bereit für jenen von Dumbledore 39,99 € zu zahlen. Dieser Preis ist ja wohl nur gerechtfertigt, wenn man damit tatsächlich zaubern kann. Oder aber wenn es nicht nur ein Plastik-Stab ist, sondern gleichzeitig noch eine Fernbedienung und elektrische Zahnbürste. Unverschämtheit (mal wieder).
Also machte ich mich wieder auf den Weg und die Stadt war schon spürbar voller. Unglaublich, wie viele Leute Montag vormittag gar nicht arbeiten müssen. Ich lief die Schildergasse hinunter in Richtung Heumarkt, mit dem Baby im Tragetuch wurde mir langsam warm. Schnell sprang ich noch in der Mayer’sche Buchhandlung, denn sie haben dort auch ein paar Spielsachen und neben Hörbüchern auch DVDs. Dort drinnen war auch ganz schön geheizt und einige Leute schauten interessiert mein Baby an, oder wollten die blauen Augen bewundern. Zauberstäbe gabs nicht, wenn auch die Prinzessinenecke unglaublich gut ausgebaut war. DVDs gabs auch nicht, das war wohl eine andere Filiale. Dafür gab es Schmuckkästchen, wie auch im Spielzeugladen eben von Haba, doch das Design ist für meine Stieftochter eigentlich doch ein bißchen zu babyhaft.
Also weiter die Schildergasse hinunter und kurz in Butler’s eingetaucht – für ein Schmuckkästschen. Aber außer Leuten, die sinnlos im Weg rumstanden gab es auch dort nichts. Doch: einen schrottigen Mini-Einkaufswagen, der wohl Deko sein sollte und über den ich drüberstolperte. Aber statt mir zu helfen und das Ding für mich aufzuheben (bücken ist mit Kind im Tragetuch eben nicht so leicht), haben alle nur mein Baby angeschaut. Weiter, die Schildergasse wieder zurück und in einen Deko-Laden, denn dort wird es ja nun hoffentlich endlich ein Schmuckkästchen geben. Irrtum, es gab nur Glitzer-Weihnachtskitsch, der sogar für’s Schrottwichteln zu hässlich gewesen wär. Außerdem gafften alle Leute auf mein Baby und die da gerade eben, die hatte mir zwar die Tür aufgehalten, aber hatte die nicht eben total neidisch auf mein Töchterchen geschaut?
Ich war alle, aber einen letzten Versuch wagte ich noch: Endstation Galeria Kaufhof. Im Dachgeschoß mit Saturn für DVDs, im Mittelgeschoß mit Spielwarenabteilung. Bombastisch. Den Fall Bademantel hatte ich schon zu den Akten gelegt. Ich betrat das Kaufhaus und bekam direkt die Krise: Warum zur Hölle sind Kaufhäuser eigentlich immer so endlos überheizt? Außerdem sind überall Leute und ALLE STARREN MEIN BABY AN! Ich fuhr ins Dachgeschoß und mußte erst einmal durch den kompletten Saturn latschen, um die DVD-Abteilung zu finden. Ich suchte und suchte – diesen Film fand ich nicht und auch keinen Angestellten zum Fragen. Zum Glück gab’s aber einen Infostand und da standen nur 2 Leute vor mir in der Schlange. Der erste war allerdings ein schrulliger Opa, der irgendeinen schrulligen, ollen Film wollte, oder Kinderpornos, wer weiß das schon so genau. Jedenfalls erklärte der Info-Mann, dieser Film sei nicht aufzutreiben und als der Opa das Feld räumte kam die Dame vor mir dran, die eben noch meine Tochter mit gierigen Blicken angeschaut hatte. Die wollte irgendeine Weihnachts-Rock-CD und der Info-Mann ging mit ihr weg um noch mal zu schauen, dass die CD tatsächlich nicht im Regal stand. Das dauerte. Die fünfeinhalb Kilo im Tragetuch zerrten an meinen Schultern und meine neuen Docs drückten nun auch schon eine Weile. Außerdem war mir richtig warm.
Dann kamen sie zurück und schauten im Computer, ob es die CD tatsächlich nicht gäbe. Es gab sie nicht, aber er las eine Reihe von Titeln vor und die Dame, Marke Öko-Emanze der ganz alternativen Art nickte bedächtig, auch wenn das Richtige nicht dabei war. Der Info-Mann brachte es dabei fertig, jeden Christmas-Titel als “Ix-Mäs” vorzulesen, aber egal ob Ix-Mäs Rock oder Rocking Ix-Mäs, er fand die richtige CD einfach nicht. Als ihr als nächstes einfiel, sie wolle ja auch eine DVD vom Musical Grease, trat ich von einem Bein auf’s andere und wurde ungeduldig…Maaaaney, werd fertich. Dann kannste heimfahren und weiter üben, Kastanien mit Schamlippen aufzupicken, ist uns allen geholfen…
Den Gedanken schien ein anderer Info-Mann zu lesen und beschloß mir zu helfen. Noch während ich mich ihm zuwandte, sah ich im Augenwinkel, dass Info-Mann I seinen Computer-Bildschirm drehte, damit die Kundin mitschauen könnte. Er durchsuchte tatsächlich die Seite der Konkurrenz: Amazon, der Riese bei dem ich aus bürgerlicher Moral nicht bestellen wollte. Fassungslos richtete ich meine Frage an Info-Mann II: Ich suche den Film Lourdes… Zur Verarbeitung dieser Frage brauchte er so lange, dass ich vorsichtshalber den Filmtitel buchstabiert und ihm versuchte zu helfen: …wie die französische Stadt…Madonnas Tochter… Aber es half nichts. Mit der Gemütlichkeit eines Rollator-Besitzers bewegte er sich zu seinem Computer, suchte und fand nichts. Grandios, auch dieser Weg war umsonst.
Ich schlug mich also durch die Menschenmassen zurück zur Rolltreppe und quetschte mich an der Kasse durch, wo natürlich mal wieder ein paar Vollidioten meinten, direkt vor der Rolltreppe das Mittagsmenü miteinander besprechen zu müssen. Etwas ruppig drängelte ich mich durch, fuhr runter und lief noch einmal quer durchs Kaufhaus zur Spielwarenabteilung. Es gab Schmuckkästchen! Von Haba, aber mittlerweile war mir alles egal. Ich fragte noch schnell nach Zauberstäben. Nein, haben wir nicht – Kommen die nochmal rein? – Ja, natürlich! Zu Karneval! HNGH!! Ich hätte fast in das pädagogisch korrekte Holzspielzeug gebissen. Das Schmuckkästchen feuert ich in irgendein Regal und stürmte aus dem Laden. Die Innenstadt war mittlerweile so voll wie zur Shopping-Rush-hour am Samstag und mir fiel ein, dass die Schildergasse angeblich die am meisten begangene Fußgängerstraße der Erde war. Zu unrecht.
Nach diesem 2einhalb stündigen, erfolglosen Geschenke-Marathon wollte ich nur noch heim. Die Bahn war überfüllt und ein doofer Mann mittleren Alters beeilte sich, mir einen Sitzplatz wegzunehmen. Als er sich dabei das Bein verknackste, konnte ich natürlich nur noch teuflisch grinsen. Ich schleppte mich von der Haltestelle nach Haus und zu allem Überfluß fand ich natürlich meinen Schlüssel ewig nicht. Schließlich kam ich oben an, warf alles von mir und setzte mich fix und foxi an den Rechner. Auch wenn ich einen Riesen-Hunger hatte, wollte ich das nun erst zuende bringen.
Ich rief den Browser auf und tippte mit letzter Kraft: a-m-a-z-o-n.d-e …

hahaha, noch besser als die kotzenden Zigeuner und die anderen Memihigru, die mich heute geärgert haben!!!
Best of! Und: Ich hab meinem Schwesterkind letztens ne Trommel geschenkt. SIE fands toll. ^^
Kuss!
Trackback by Morné 13. Dezember 2010 20:10
Das Gefühl kenn ich. Und da wundern sich die heimischen Geschäfte, dass man online einkauft.
Ich hoffe der große Urwaldfluss hat dann die passende DVD und den Zauberstab ans Ufer gespült.
Liebe Grüße
Angelika
Trackback by Angelika Diem 14. Dezember 2010 05:14
Der Bademantel ist für mich. Da kann ich sehr wohl einen mit Goldrand und Klunkern in den Ärmeln erwarten. Und nicht nur ein Handtuch mit Ärmeln.
Jawoll.
Trackback by Alwin 14. Dezember 2010 09:58
Hey, nix gegen Beeren
Und Prinzessinnen!
Ich mag lächelnde Menschen – das finde ich bei Stadtdurchquerungen nie, vor allem nicht zur Weihnachtszeit.
Sei froh, dass es das Kaminfeuer nicht in 3D gab und … für den Preis sind die Bademantel wohl aus Gold gewoben, so dass du ihn kaufen und das Lillifee-Goldkleid daraus hättest nähen können
Im-Weg-Rumsteh-Mensche scheinen sich, genau wie Nach-dem-aus-dem-Zug-steigen-stehenbleib-Menschen und Rolltreppen-Blockier-Menschen tatsächlich immer dann aus Ihren Löchern zu trauen, wenn man es eilig hat oder schnell wieder heim mag.
Hattest du irgendwann Angst vor all den Kinderfängern die so gierig schauen? Vor denen wurde ich in Friedeburg schon gewarnt ^^
Trackback by Ganayan 14. Dezember 2010 11:01